Veröffentlicht am: 04.06.2018 um 10:00 Uhr:

Gedanken: Satt gesehen

Manfred Zollner hat sich in seiner Kollumne "Zollerns Zeilen" im fotoMAGAZIN interessante Gedanken zum Thema "Satt (ge-)sehen" gemacht. - Wie ich finde, echt lesenswert...

» Eine Foto-Überdosis als neue Diätidee? Über den Effekt der täglichen Bilderflut auf unser Alltagsverhalten

Können wir uns tatsächlich satt sehen? Die aktuelle Wissenschaftliche Forschung scheint dies zu bestätigen. Laut einer kürzlich im Journal of Consumer Psychology veröffentlichten Studie der amerikanischen Brigham Young University hat das häufige Betrachten von Fotos süßer oder salziger Speisen den erstaunlichen Effekt, dass die Probanden die gezeigten Nahrungsmittel im Laufe der Zeit immer weniger mögen. Die Konfrontation mit vielen Food-Fotos verdirbt offensichtlich den Appetit darauf – und das scheint nicht an der Abbildungsqualität der gezeigten Viktualien zu liegen. Trotz intensiver Selbstversuche kann ich diese Erkenntnis leider noch nicht bestätigen. Das Foto eines dampfenden Fondant au Chocolat mit flüssigem Schokoladenkern löst bei mir auch nach mehrfachen Betrachtungen leider immer unerwünschte Speichelreflexe aus. Ich muss wohl noch etwas länger darauf starren. Nun stellt sich überdies die Frage, ob derlei Sättigungsgefühle auch auf andere Bereiche unseres Alltags übertragbar sind. Wurde eigentlich schon mal untersucht, ob die permanente Konfrontation des mündigen Wählers mit primitiver Parteienwerbung im Wahlkampf dazu führt, dass nach einer Wahl beim Bürger gewisse Abwehrreaktionen angesichts prominenter Politiker-Portraits auftreten? Überhaupt: Hat die neue Studie nun tiefgreifende Folgen für die zeitgenössische Werbung? Saftige XXL-Burger oder knusprige Cornflakes unter plätschernden Rohmilch-Kaskaden werden wohl noch länger plakativ fotografiert und präsentiert. Angesichts der derzeit drohenden Raucherlungen-Fotos auf Deutschlands Zigarettenpackungen tauchen dieser Tage allerdings erste Argumente gegen die neuen Schreckensbilder auf, die vergleichbare Effekte zitieren. Angeblich soll es bereits Studien geben, die belegen, dass sich der Effekt der Horrorbilder langfristig abnutzt. Je mehr wir davon sehen, desto abgebrühter reagieren wir, will man uns sagen. Mit dem gleichen Argument könnte man dann allerdings auch auf Nachrichtenfotos von Kriegsgebieten verzichten. «


Quelle: fotoMAGAZIN 12/2013 - Zollners Zeilen