Veröffentlicht am: 17.07.2026 um 13:58 Uhr:
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REHACARE International: Endlich wieder allein auf die Toilette gehen – wie neue Technologien Menschen mehr Selbstbestimmung ermöglichen
» Aufs Klo gehen, wann man will. Ohne nachzudenken, ohne Hilfe zu brauchen – das erscheint vielen selbstverständlich. Für Millionen Menschen ist es das nicht (mehr). Das gilt etwa für Frauen nach einer Geburt, durch die die Beckenbodenmuskulatur geschädigt oder geschwächt wurde, aber auch Männer nach einer Prostataoperation sind betroffen. Menschen nach einem Schlaganfall oder mit Parkinson erleben, dass ihr Nervensystem die Signale zwischen Gehirn und Blase nicht mehr zuverlässig übermittelt. Bei Älteren lassen Beckenboden und Blasenmuskulatur mit der Zeit nach. Neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder eine Querschnittslähmung sorgen dafür, dass jeder Toilettengang zur logistischen Herausforderung wird.
Was alle diese Menschen verbindet: Sie schweigen meist schamhaft. Kontinenzprobleme gehören zu den am häufigsten verdrängten Gesundheitsthemen. Dabei ist Inkontinenz in vielen Fällen behandelbar oder zumindest deutlich besser beherrschbar: der Beckenboden oder die Blase lassen sich trainieren, moderne Kathetertechnik und chirurgische Eingriffe oder die gezielte Versorgung mit Hilfsmitteln können helfen.
Das Schweigen hat auch einen Preis jenseits der Gesundheit. Wer beim Toilettengang oder beim Katheterlegen auf fremde Hilfe angewiesen ist, wird verletzlicher – etwa für sexualisierte Gewalt im Pflegekontext. Die REHACARE 2026, internationale Fachmesse für Rehabilitation und Pflege in Düsseldorf, stellt sich diesem Tabu erstmals offen: Auf einem eigenen Marktplatz „Selbstbestimmte Kontinenz“ zeigen Aussteller praktische Lösungen, begleitet von einem Forumsprogramm mit mehr als 30 Fachvorträgen.
Zahlen & Fakten
- Mindestens 10 Millionen Menschen in Deutschland sind von Blasen- oder Darminkontinenz betroffen – hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer (Deutsche Kontinenzgesellschaft).
- Jede dritte Frau ist im Laufe ihres Lebens von Harninkontinenz betroffen – häufig erstmals nach einer Geburt, wenn der Beckenboden überfordert wird.
- Bis zu 80 Prozent der Männer nach radikaler Prostataentfernung wegen Prostatakarzinom leiden vorrübergehend oder dauerhaft unter unkontrolliertem Harnverlust (Deutsche Gesellschaft für Urologie).
- Rund 50 Prozent aller Menschen mit Multipler Sklerose entwickeln im Krankheitsverlauf Blasenstörungen; bei Parkinson und nach Schlaganfall ist der Anteil ähnlich hoch.
- Frauen mit Behinderungen erleiden doppelt so häufig sexualisierte Gewalt wie andere Frauen – auch im Pflegekontext, etwa beim Katheterlegen (Bundeskriminalamt, Bericht 2025).
- Mehr als 60 Prozent der Betroffenen fühlen sich infolge von Problemen beim Entleeren von Blase oder Darm mäßig bis stark sexuell eingeschränkt (Befragungsstudie Fraunhofer IPA).
- Folgen unbehandelter Inkontinenz reichen von Wundliegen und Harnwegs- oder Hautinfektionen bis zu sozialem Rückzug, Depression und vorzeitigem Pflegeheimeinzug.
- REHACARE 2026: 23. bis 26. September, Düsseldorf – erstmals mit eigenem Marktplatz „Selbstbestimmte Kontinenz“ (Halle 1) und Forumsprogramm mit mehr als 30 Vorträgen.
Welche technischen Lösungen es inzwischen gibt – und warum Selbstbestimmung auch Schutz vor Gewalt bedeutet, erklärt Prof. Dr. med. Urs Schneider vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA im Interview.
Interview: „Selbstbestimmt – auch auf der Toilette“
Prof. Dr. med. Urs Schneider, Fraunhofer IPA, über selbstbestimmte Kontinenz, Schutz vor Gewalt und neue Lösungen auf der REHACARE 2026
Kontinenz ist immer noch ein Tabu-Thema — obwohl es den Alltag so vieler Menschen beeinflusst. Was hören Sie von Betroffenen, das Sie bewegt?
Die Scham ist groß, obwohl Blasen- und Darminkontinenz allein in Deutschland mindestens zehn Millionen Menschen betrifft (aktuelle Zahlen der Deutschen Kontinenzgesellschaft, d. Red.). Eine hohe Dunkelziffer kommt hinzu. Wir wissen, dass sich Betroffene häufig wund liegen, unter Harnwegs- oder Hautinfektionen leiden. Viele ziehen sich aus der Gesellschaft zurück, riskieren es, mit der Zeit depressiv zu werden oder ins Pflegeheim zu kommen. Was Menschen belastet, die ohne andere Erkrankungen durch das Leben gehen, betrifft diejenigen umso mehr, die beispielsweise Multiple Sklerose haben, körperlich oder geistig beeinträchtigt oder querschnittsgelähmt sind. Es wird höchste Zeit, den Scheinwerfer auf dieses Thema zu richten.
Sie schaffen auf der REHACARE 2026 einen Raum, in dem Betroffene ihre Erfahrungen teilen. Warum ist es so wichtig, dass ihre Stimmen im Mittelpunkt stehen?
Es geht nicht nur darum, selbstbestimmt zur Toilette gehen zu können — sondern auch darum, sexuelle Übergriffe und Gewalt zu verhindern. Der aktuelle Bericht des Bundeskriminalamtes von 2025 macht deutlich: Frauen mit Behinderungen erleiden doppelt so häufig sexualisierte Gewalt wie andere — auch beim Legen eines Katheters. Eine Befragungsstudie, die wir als Fraunhofer Institut durchgeführt haben, zeigt zusätzlich: Über 60 Prozent der Befragten fühlen sich als Folge von Problemen beim Entleeren von Blase oder Darm mäßig bis stark sexuell eingeschränkt. Über ihre Themen und den Weg zu Kontinenz im Alltag werden Betroffene, Therapeutinnen und Therapeuten, Firmen, Forscherinnen und Forscher bei der REHACARE in mehr als 30 Vorträgen sprechen. Die Aussteller stellen dazu passende Therapien und Produkte vor.
Was bedeutet „selbstbestimmte Kontinenz“ im Alltag — und wie kann Technologie helfen, Menschen mehr Kontrolle zu geben?
Stellen Sie sich eine Frau im Rollstuhl vor, die urinieren muss. Wie das am besten ohne fremde Hilfe funktioniert, haben wir gemeinsam mit Freiwilligen und einer Tantra-Therapeutin in der Praxis erprobt. Auf Basis dieser Tests haben Fraunhofer-Forscher gemeinsam mit Medizintechnikern ein Spreizgerät entwickelt, mit dem Frauen sich beim Toilettengang selbst helfen können — im Auto, im Flugzeug, ganz ohne fremde Hilfe. Es schützt vor sexualisierter Gewalt, entlastet Pflegekräfte und verhindert Folgeerkrankungen. Wir haben dafür eine eigene Firma gegründet und stellen das Gerät auf der REHACARE 2026 vor.
Was wünschen Sie sich von der Branche, der Politik und auch von uns als Gesellschaft?
Einen offenen Diskurs über solche Themen und mehr Unterstützung dabei, Wege zu den passenden Hilfsmitteln zu finden – über Selbsthilfegruppen oder spezialisierte Zentren und Kliniken.
Über die REHACARE
Die REHACARE ist die weltweit führende Fachmesse für Rehabilitation, Prävention, Inklusion und Pflege. Unter dem Leitgedanken „Selbstbestimmtes Leben“ bringt sie Menschen mit Behinderung, chronischer Erkrankung und im Alter mit Lösungsanbietern, Start-ups, Verbänden und politischen Entscheidungsträgern zusammen. Die REHACARE 2026 findet vom 23. bis 26. September 2026 in Düsseldorf statt.
Wie wichtig die Perspektive der Betroffenen für die Messe ist, zeigt auch der REHACARE Report 2026: Für die groß angelegte Studie wurden mehr als 1.500 Menschen mit Behinderung, chronischen Erkrankungen und Angehörige zur Zukunft der Hilfsmittelversorgung befragt.
„Im Mittelpunkt müssen die Menschen stehen, die auf eine bedarfsgerechte Versorgung angewiesen sind, um ihren Alltag selbstbestimmt gestalten zu können“, sagt Hannes Niemann, Director der REHACARE.
Mehr Informationen gibt es unter www.rehacare.de
Marktplatz & Vortragsprogramm „Selbstbestimmte Kontinenz“
Halle 1 der Messe Düsseldorf wird 2026 erstmals zur Bühne für ein Tabu-Thema: Auf dem Marktplatz „Selbstbestimmte Kontinenz“ zeigen Aussteller wie Hollister, UROMED, PubliCare, ConvaTec und Coloplast Produkte und Beratungsangebote rund um Blasen- und Darmmanagement.
Begleitend dazu sprechen an vier Messetagen Betroffene, Therapeuten und Therapeutinnen, Forscher und Forscherinnen sowie Vertreter von Selbsthilfeorganisationen wie der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten (FgQ) und dem Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen (bvkm) in mehr als 30 Vorträgen. Die Themen reichen von praktischen Anleitungen dazu, wie man selbst einen Katheter legt, über eine gezielte Steuerung der Verdauung sowie der Toilettengänge bis hin zu rechtlichen Ansprüchen auf Inkontinenzversorgung. Es gibt auch Vorträge über Sexualität und Kontinenz sowie zu Bewegung im Rollstuhl (u. a. „Zumba im Rollstuhl“).
Aktuelle Forschung nimmt eine wichtige Rolle ein: Das Fraunhofer IPA stellt mit 2LIP und 4ROSE zwei neue Hilfsmittel vor, die Frauen beziehungsweise Menschen mit Querschnittlähmung den selbstständigen Toilettengang erleichtern sollen – ohne fremde Hilfe.
Halle 1, Messe Düsseldorf · Marktplatz „Selbstbestimmte Kontinenz“ · Mehr als 30 Fachvorträge im Forumsprogramm · 23.–26. September 2026 «
Quelle: Pressemitteilung der Messe Düsseldorf GmbH vom 16. Juli 2026