Veröffentlicht am: 13.09.2020 um 13:50 Uhr:

Fotografie: Stress am Strand

In seiner fotoMAGAZIN-Kolumne "Zollners Zeilen" hat Manfred Zollner das Fotoverbot in Boltenhagen kommentiert...

» An Deutschlands Stränden kommt diesen Sommer [2016] plötzlich mächtig Sand ins Getriebe (bzw. ins Gehäuse) der Fotografie. Insbesondere an der Ostseeküste, wo spätestens seit den 1920er-Jahren die Freikörperkultur ungeniert abgelichtet worden ist, sind plötzlich Kameras unerwünscht. Zumindest i Ostessbad Boltenhagen, das sich mit ein paar neuen Verbotsschildern zum Sommerbeginn die Aufmerksamkeit der ganzen Nation gesichert hat. An 20 Boltenhagener Strandzugängen werden die Besucher nun aufgefordert, auf das Fotografieren zu verzichten. Oder alle eventuell Abgebildeten um Erlaubnis zu bitten. Zum besseren Schutze der Persönlichkeit der Strandbesucher. Ist das das Ende aller Urlaubsfotos? Müssen wir künftig den Küstenstreifen hinter der Angebeteten räumen lassen, bevor wir das ersehnte Bikini-Portrait knipsen? Im Sommer dürften jedenfalls ständig Fremde die Bild-Kulisse ungefragt bevölkern. Die Boltenhagener Kurdirektorin Claudia Hörl begreift ihren Schildbürgerstreich mittlerweile nicht als generelles Fotoverbot, sondern als freundlichen Hinweis auf die Privatsphäre. Bilder der eigenen Familie seien jedoch durchaus weiter erlaubt. Letztlich scheint sich das vermeintliche Verbot schlichtweg auf die allgemeine deutsche Rechtslage zu beziehen. Die angebrachten Schilder mit "durchgestrichener Kamera" sollten dennoch schnell entfernt werden. Überhaupt könnte sich für Frau Hörl vielleicht der Blick auf die Mecklenburg-Vorpommersche Gemeinde Zingst lohnen. Dort hat man gerade einen FotoKunstPfad direkt am Strand installiert und ermutigt die Urlauber ausdrücklich zu Bildexperimenten. Attraktive Kunstwerke wie Rob Mulhollands "Spiegelbild" in den Wellen der Zingster Küste verlangen geradezu unsere Aufmerksamkeit. Wer hier mit einer Kamera kommt, der kann die Welt noch durch die rosa Brille von Marc Moser betrachten. An Foto-Verbot denkt bei dieser vorbildliche Ideengebung niemand. Und falls jemand tatsächlich hier fremde Nackedeis ablichten möchte, dann kann er seine Ambitionen in Zingster-Fotoworkshops erfüllen. «


Quelle: Kolumne "Zollners Zeilen" im fotoMAGAZIN 8/2016

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