Veröffentlicht am: 26.06.2025 um 12:15 Uhr:
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Fotografie: Zoom oder Festbrennweite?
» Die Diskussion, ob denn nun ein Zoom oder mehrere Festbrennweiten besser seien, wurde schon oft geführt. Vergessen wird bei all den technischen Argumenten — wie Qualität, Preis, Gewicht oder Lichtstärke - gerne der Ursprung jeder Aufnahme, die Kopie der Sicht des Betrachters von seiner Umwelt. Dabei entsteht eine Beziehung zwischen zwei Partnern; auf der einen Seite der Fotograf als Betrachter der Szene und auf der anderen Seite der Betrachter der Aufnahme, der damit in die Rolle des Fotografen versetzt wird. Verantwortlich für die räumliche Beziehung zum Motiv ist die Perspektive, das heißt Standort und Bildwinkel, Beim Objektiv mündet das in der Brennweite. Weil man sich mit anderen Menschen im Abstand von e?n b?s anderthalb Metern unterhält, füllt der Kopf des Gegenübers im Gespräch einen Winkel von etwa 15-20 Grad vertikal aus. Diesen Bildwinkel der langen Seite haben Objektive von 85 bis 100 mm kleinbild-äquivalent. Fotografiert man also mit einem 85er, so führt einen der Objektivbildwinkel in den natürlichen Redeabstand zur fotografierten Person zurück und das Bild erhält die typische räumliche Wirkung der nahen Beziehung zum Gegenüber. Der spätere Betrachter wird dann in diesen Abstand versetzt und so erhält das Portraitbild für ihn überhaupt erst die Portraitwirkung oder besser; Portraitbeziehung.
Bei Zooms kann man s?ch den Bildausschnitt so hindrehen wie er einem passt — und damit alle Beziehungen zwischen sich und seiner Umwelt außer Acht lassen oder sogar vernichten. Die Flexibilität der freien Größenwahl per Zoom ist der Wandel von der perspektivisch orientierten zur bildausschnittsorientierten Fotografie und damit zum Verlust unserer Beziehungen zur Umgebung.
Wenn ich heute meine Umwelt in mich umfassender Weite erleben und wiedergeben will, dann kommt ein Weitwinkel drauf und sonst nichts. Morgen betrachte ich vielleicht ganz neutral mit dem Normalobjektiv.
Die Festbrennweite zwingt mich dazu, dorthin zu gehen, wo mein Abstand diese Beziehungen entwickelt und mich die Fotografie viel klarer erleben lässt. «
Quelle: Anders Uschold im fotoMAGAZIN 4/2013