Veröffentlicht am: 30.11.2023 um 16:11 Uhr:

Ausstellung: „Das Festival wird in dieser Form nicht mehr stattfinden”

Dieter Neubert, Chef des Kasseler Fotobookfestivals, über die Krise des Fotobuchmarktes. - im fotoMAGAZIN 8/2018

» Dieter Neubert hat 2008 das weltweit erste Fotobuchfestival gegründet, als Fotografen, Buchdesigner und Kleinstverlage die Erzählform des Mediums und seine innovativen Möglichkeiten entdeckten. Vom 31. Mai bis 3. Juni 2018 feierte das Fotobookfestival Kassel Jubiläum. Kurz bevor der Verleger Gerhard Steidl auf der Festivalbühne über das Ende der Gutenberg-Ära sprach, nahm sich Neubert Zeit für sein Resümee zur Marktentwicklung.

fotoMAGAZIN: Ihr Festival feierte in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Wie hat sich es sich entwickelt?

Dieter Neubert: Wir haben klein angefangen und sind dann in die documenta-Halle umgezogen. Als die Kassler documenta stattfand, mussten wir eine Ausweichlösung suchen und veranstalteten das Festival im Ausland. Dieses Format jedes Jahr hier in Kassel zu machen, wäre vielleicht ohnehin uninteressant. Jetzt sind wir nach dreijähriger Unterbrechung wieder in Kassel und machen eine Jubiläumsveranstaltung — als eine Art Abschluss. Was danach sein wird, weiß ich noch nicht.


fotoMAGAZIN: Es ist denkbar, dass das Festival künftig nicht mehr stattfinden wird?

Neubert: Zumindest nicht mehr in dieser Form.


fotoMAGAZIN: Warum?

Neubert: Wir bekommen keine Regelförderung und werden institutionell überhaupt nicht unterstützt. Die Vorbereitung dieses Festivals ist zudem enorm aufwendig. Ich bin auch nicht daran interessiert, künftig weniger zu machen, also alles etwas kleiner anzulegen, weil mir weniger Mittel zur Verfügung stehen.


fotoMAGAZIN: Wie hat sich der Fotobuchmarkt in den letzten zehn Jahren verändert?

Neubert: Es werden immer mehr Bücher produziert, die Auswahl wird immer grösser. Die Händler stöhnen hingegen, weil sie weniger verkaufen.


fotoMAGAZIN: Die Auflagen schrumpfen rapide.

Neubert: Fotobücher gibt es heute an vielen Orten und jeder verliert langsam den Überblick, was produziert wird. Die Bildbände sind teurer geworden. Die Situation ist kritisch. Kleine Verlage haben oft Schwierigkeiten.


fotoMAGAZIN: Ist der Markt übersättigt?

Neubert: Der Input ist größer als der Output. Es gibt noch immer viele interessante Projekte. Zwischendrin hatten wir Jahre, in denen viel Selbstproduziertes auf den Markt kam. Das ist jetzt nicht mehr so stark vertreten. Es wird nach wie vor viel produziert, aber nicht genug gekauft. Das ist das Problem.


fotoMAGAZIN: Dennoch gibt es immer mehr Festivals für Fotobücher. Wie hat sich das auf Ihr Festival ausgewirkt?

Neubert: Diese Entwicklung ist eigentlich gut. Man befruchtet sich gegenseitig. Jene Festivals, mit denen wir kooperieren, präsentieren auch unsere Fotobuch-Dummys. Es gibt allerdings auch hier Ermüdungserscheinungen. Das Wiener Festival und ein sizilianisches Festival finden in diesem Jahr nicht starr.


fotoMAGAZIN: Ihr Fotobookfestival war das erste. Was hat sie 2008 bewogen, dieses Wagnis einzugehen?

Neubert: Wir hatten in Kassel einen kleinen Verein — das Fotoforum Kassel— und wollten mehr für die Fotografie tun. Nachdem wir bereits zwei Festivals organisiert hatten, kamen wir 2008 darauf, dass das Fotobuch ein Thema für das Fotofestival werden könnte, Und bekamen dann extrem grossen Zuspruch — vermutlich auch, weil Martin Parr und John Gossage schon damals dabei waren, Ich dachte, dass es einen Markt geben könnte, der sich auf dieses Medium der Fotografie konzentriert. Das war eine gute Idee.


fotoMAGAZIN: Spielte es eine Rolle, dass es in eine Zeit fiel, in der das Thema Fotobuch erstmals umfassend aufgearbeitet worden ist?

Neubert: Wichtig für unseren Erfolg war auch, dass es erstmals die Möglichkeit gab, ein Fotobuch in Miniauflage selbst zu produzieren. Die digitale Fotografie hatte großen Einfluss und die entsprechenden Drucker kamen nun auch auf den Markt. Jeder hatte die Möglichkeit, plötzlich alles selbst zusammenzustellen.

Interview: Manfred Zollner «


Quelle: fotoMAGAZIN 8/2018