Veröffentlicht am: 22.07.2022 um 23:59 Uhr:

Bundesregierung: Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier während einer Informations- und Begegnungsreise mit dem Diplomatischen Korps

Während einer Informations- und Begegnungsreise mit dem Diplomatischen Korps hielt Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier folgende Rede am 5. Juli 2022 in Nürnberg:

» Schauen Sie sich um, meine Damen und Herren – was für ein Ort, was für ein Empfang! Lieber Herr Söder, wir sind Ihnen unendlich dankbar nicht nur für die Gastfreundschaft, sondern auch für die Herzlichkeit, mit der wir den ganzen Morgen über begleitet wurden. Herzlichen Dank auch für das wunderbare Mahl, das wir hier genießen dürfen, und für die Möglichkeit zu ganz vielen Gesprächen.

Nicht nur ein wundervoller Empfang, sondern ein Empfang an einem Ort voller Symbolik. Ich habe mir sagen lassen, diese gotische Klosterkirche war zu früheren Zeiten ein Ort, an dem sich ein Eremitenorden versammelt hat, gestiftet von einem Nürnberger Kaufmann, der schon im 14. Jahrhundert Handel getrieben hat mit Italien und der Levante. Schöner und beziehungsreicher kann eigentlich ein Ort für einen Diplomatenbesuch wie diesen gar nicht sein.

Ich freue mich wirklich sehr, dass wir an die alte Tradition eines gemeinsamen Besuches einmal im Jahr in einer Region Deutschlands wieder anknüpfen können. Das ist auch deshalb wichtig, weil Sie alle neugierig sind, dieses Land auch außerhalb von Berlin kennenzulernen, weil Sie etwas wissen und erfahren möchten über die Vielfalt unseres Landes. Dazu machen wir diese Besuche. Und ich weiß, dass diejenigen, die innerhalb der letzten zwei, drei Jahre als Botschafter akkreditiert worden sind, noch nie die Gelegenheit zu einem solchen Besuch hatten. Umso wichtiger, dass wir diese Tradition wieder aufnehmen.

Ich freue mich auch, dass die Reise nach Bayern – aber ich ahne, Herr Ministerpräsident, dass Sie das nicht so stehenlassen –, nach Mittel- und Oberfranken geht und uns hier nach Nürnberg geführt hat. Wir werden Erlangen noch sehen, und wir werden Bamberg noch erleben, die Heimat von Frau Staatsministerin, die sie uns nachher noch zeigen wird.

Einen ersten Einblick haben wir heute Morgen schon bekommen in den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort, in die Art und Weise, wie hier die Wirtschaft durch Hidden Champions, wie wir einen heute Morgen besucht haben, mit der Welt verbunden ist. Auch deshalb ist es vermutlich kein Zufall, dass Bayern zum zweiten Mal Gastgeber eines G7-Gipfels war, zuletzt in Elmau. Die meisten haben die Fernsehbilder und Nachrichten noch gut im Kopf.

Ich muss aber auch sagen: In den letzten zwei Jahren konnten wir wegen Corona solche Besuche nicht machen –, und dieser Besuch hier wird überschattet durch einen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Dieser Krieg, Sie beobachten das so intensiv wie ich, bringt viel Leid, bringt Tod und Zerstörung mit sich, Millionen Menschen sind auf der Flucht.

In einer solchen Situation ist es für mein Land klar, auf welcher Seite wir stehen – natürlich auf der Seite der Opfer, auf der Seite der Ukraine. Wir üben Solidarität mit der Ukraine, das tun wir politisch durch Unterstützung der Ukraine, finanziell, humanitär, mittlerweile auch militärisch, wie Sie wissen, aber ich will auch hervorheben: Es ist nicht nur eine politisch geübte Solidarität, sondern Menschen hier, Familien haben Flüchtlingsfamilien aufgenommen, beherbergen sie bei sich zu Hause – und das jetzt schon über viele, viele Wochen und inzwischen sogar Monate. Das ist eine ganz privat geübte Solidarität, die zu der politischen noch hinzukommt.

Die Welt ist nach dem Bruch des Völkerrechts eine andere, aber sie ist für uns alle keine bessere. Die Folgen spüren wir unmittelbar oder mittelbar; die Weltwirtschaft hat sich noch nicht ganz erholt von den Belastungen der Coronakrise in Gestalt von unterbrochenen Lieferketten, die das Wirtschaftswachstum weltweit nach unten gedrückt haben, und jetzt kommen neue Belastungen durch den Krieg in Europa hinzu.

Das sind Verwerfungen, die unsere Geduld und unsere Resilienz, unsere Leistungsfähigkeit in den nächsten Monaten noch auf die Probe stellen werden. Auf die Probe stellen wird das auch unsere humanitäre Solidarität, will sagen: Mit Blick auf das, was sich jetzt abzeichnet, die fehlenden Getreideexporte aus der Ukraine, deutet sich auch an, dass wir jetzt zwar im Augenblick eine Teuerung der weltweiten Getreidepreise erleben, im nächsten Jahr aber möglicherweise eine Knappheit – und dass das zu Nahrungsmittelknappheit und Hungerkrisen führen kann, wissen Sie.

Umso wichtiger ist es, dass wir in diesem Jahr beginnen, erstens nach Alternativen für die Getreideexporte aus der Ukraine zu suchen, und zweitens Vorsorge zu treffen, dass die befürchtete Nahrungsmittelknappheit, vor allen Dingen im Bereich Getreide, im nächsten Jahr nicht eintritt und dass wir den Ärmsten der Armen unter den Staaten frühzeitig genug helfen.

Zu den mittelbaren Folgen gehört auch, dass das, was – wir haben es in den vergangenen Jahren oft genug miteinander ausgetauscht – für uns alle eine der zentralen Aufgaben war, der Kampf gegen den Klimawandel, natürlich jetzt im Augenblick in vielen Staaten, in vielen Politiken etwas hintenansteht. Aber ich nutze auch gern die Gelegenheit, um uns selbst noch mal daran zu erinnern: Der Zustand der Welt – das zeigen die Dürren in Norddeutschland, das zeigen die Dürren in Italien und an vielen Orten auf der Welt – das sind alles Hinweise darauf, dass trotz Krieg und wirtschaftlicher Krisen der Kampf gegen den Klimawandel nichts von seiner Dringlichkeit verloren hat.

Klar ist auch, und deshalb freue ich mich auch, dass wir hier heute so zusammen sind: Die Probleme werden sich nicht lösen lassen durch Abschottung voneinander, sie werden sich nicht lösen lassen durch Rechtsbrüche und rohe Gewalt. Sondern was wir brauchen, ist mehr denn je gemeinsame Verantwortung und die Bereitschaft der Staaten, untereinander zusammenzuarbeiten, und das in einem Geist der Verständigung, der leider in den letzten Jahren etwas verloren gegangen ist.

Exzellenzen, helfen Sie mit, dass das Gift des Misstrauens, das Gift von Feindschaft sich nicht weiter ausbreitet! Helfen Sie mit, dass internationale Beziehungen nicht von nationalem Egoismus oder imperialem Machtstreben beherrscht werden, sondern von der Sorge um das Leben und Überleben von Menschen auf allen Kontinenten!

Hier im Germanischen Nationalmuseum haben wir eben den „Erdapfel“, einen alten Globus von Martin Behaim gesehen. Das ist, wir haben es gehört, der älteste erhaltene Globus weltweit; aus dem 15. Jahrhundert und natürlich etwas anders aussehend als unsere heutigen Globen und Weltkarten. Damals war das in Europa erreichbare Wissen über die Welt auf diesem Globus dokumentiert. Nicht die Darstellung sollte uns irritieren, sondern es sollte uns eher interessieren, was die Aussage dieses ältesten Globus der Welt sein sollte, in Auftrag gegeben von einem Patrizier hier aus Nürnberg, der in Antwerpen und in London gehandelt hat, mit Tuch, mit Textilien, der mit portugiesischen Seefahrern unterwegs war auf dem Mittelmeer. Der beschäftigte sich plötzlich und dann sein Leben lang mit Astronomie und Kartographie, und er wollte eigentlich nichts anderes mit diesem Globus als uns allen und seinen damaligen Landsleuten vor Augen führen: Habt keine Angst vor der Internationalisierung; da sind riesige Chancen in dem Seehandel; ich zeige euch und ich lasse euch nachspüren, wie wir neue Partner auf der Welt gewinnen können.

Ich glaube, das ist ein Hinweis, der in unsere Zeit ebenso gut passt: neue Partner gewinnen, Beziehungen ausbauen, wirtschaftliche Beziehungen, aber möglichst nicht darauf beschränkend, sondern die Menschen zueinander zu bringen, in Kulturaustausch zu treten – der Versuch also dieses Globus, in Zeiten des Umbruchs damals an der Schwelle zur Neuzeit, als viele nach Orientierung suchten, tatsächlich Orientierung zu geben. Ich kann mir kein Kunstwerk vorstellen, das besser für einen Ausflug des Diplomatischen Korps passen würde in diesen Zeiten des Umbruchs, in diesen Zeiten, in denen das Bedürfnis nach Orientierung groß ist.

Exzellenzen, Sie alle tragen dazu bei, dass Verständigung möglich bleibt, Sie alle pflegen Partnerschaften und Freundschaften, und Sie alle mühen sich, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und das ist dringender denn je notwendig. Herzlichen Dank Ihnen allen! Ich freue mich auf den weiteren Verlauf des Tages. «


Quelle: Bulletin 88-5 des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 18. Juli 2022

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