Veröffentlicht am: 07.09.2022 um 05:42 Uhr:

Bundesregierung: Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier beim Staatsbankett zu Ehren des Präsidenten des Staates Israel, Isaac Herzog

Beim Staatsbankett zu Ehren des Präsidenten des Staates Israel, Isaac Herzog, hat Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier am 4. September 2022 in Berlin folgende Rede gehalten:

» Ein Besuch des israelischen Präsidenten in Deutschland ist immer etwas Besonderes; ein Staatsbesuch erst recht. Sie zu empfangen, ist uns Freude und Ehre zugleich. Aber wenn ich ganz ehrlich bin: Noch vor einer Woche hätte ich nicht zu hoffen gewagt, dass wir heute Abend so entspannt und fröhlich hier miteinander sitzen. Die Vorbereitungen für ein würdiges Gedenken fünfzig Jahre nach der Tragödie von München 1972 liefen auf Hochtouren, aber gerade hatten die wichtigsten Gäste, die Angehörigen der Opfer des Attentats, ihre Teilnahme abgesagt.

Lieber Präsident Herzog, ich glaube, ich darf für uns beide sprechen. Wir beide sind an diesem Abend froh und erleichtert – und das gilt sicher für Sie alle hier im Saal: froh und erleichtert, dass in der vergangenen Woche doch noch eine Verständigung mit den Hinterbliebenen des Attentats bei den Olympischen Spielen gefunden werden konnte. Ich bin zutiefst dankbar, dass sie morgen an der Gedenkfeier am fünfzigsten Jahrestag des Anschlags dabei sein werden – und Dich, lieber Isaac, dabei an meiner Seite zu wissen. Herzlichen Dank und herzlich willkommen!

Diese deutsch-israelische Beziehung, diese einzigartige Freundschaft, sie wird immer beides benötigen: gemeinsame Hoffnung und gemeinsame Erinnerung. Gemeinsame Chancen, Ambitionen, Projekte für die Zukunft – und natürlich auch den gemeinsamen Blick in die Vergangenheit, die Aufarbeitung, die Rechenschaft.

Das bringt mich zu einer Zeile unseres gemeinsamen Freundes David Grossman: „Ich will, dass du mir versprichst […] Dass du dich an alles erinnern wirst.“ Diese Worte sagt Ora zu ihrem Geliebten aus vergangenen Tagen, nachdem ihr Sohn in den Sechstagekrieg gezogen ist und sie das Schlimmste befürchtet. Sie ahnt, dass ihr nur die Erinnerung bleibt.

Selten hat mich eine Geschichte so berührt wie die, die David Grossman in seinem Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ erzählt. Es ist die Geschichte, die auf furchtbare Weise wahr geworden ist, nachdem sie aufgeschrieben war. Ich erinnere mich wie heute an eine Begegnung mit David Grossman im King David Hotel in Jerusalem, eine Begegnung, bei der er bedrückt wirkte. Und als ich ihn fragte: „Warum bist Du bedrückt?“, sagte er: „Mein Sohn ist gestern eingezogen worden“, es war der Sommer 2006. „Meine Frau lebt in Angst.“ Aber er sagte dann auch: „Ich glaube, dass der Krieg bald zu Ende ist. Insofern hoffe ich, dass kein Grund zur Angst besteht.“ Ich fuhr zwei Tage später zurück nach Berlin und bekam die Nachricht, dass der Sohn Uri in den letzten Kriegstagen gefallen ist.

Der Roman von David Grossman ist eine Geschichte von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Es ist die Geschichte eines furchtbaren Verlustes. Und doch ist es auch eine Geschichte der Hoffnung, die uns Lesern in Deutschland Ihr Land, Israel, seine Bedrohung, die Konflikte im Nahen Osten auf erschütternde, eindringliche, aber auch poetische Weise näherbringt.

Die Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten, diese Hoffnung, die das Werk von David Grossman durchzieht, sie verbindet auch uns beide, und sie verbindet unsere beiden Länder.

Wir Deutsche bekennen uns unverbrüchlich zum Existenzrecht und zur Sicherheit Israels. Und ich versichere Ihnen: Wir stehen an Ihrer Seite! Wir alle hier wissen: Der Weg zu einer Annäherung zwischen unseren beiden Ländern, dieser Weg war alles andere als leicht – wie könnte es anders sein angesichts der ungeheuren Verbrechen, die Deutsche begangen haben. An einen ersten sehr wichtigen Schritt auf diesem Weg erinnern wir in diesen Tagen: das Luxemburger Abkommen, das am 10. September vor siebzig Jahren unterzeichnet wurde. Dieses Abkommen war die Grundlage für die spätere Aufnahme von diplomatischen Beziehungen. Wer hätte sich damals vorstellen können, welch tiefe Freundschaft daraus erwachsen würde!

Wer hätte sich vorstellen können, dass später deutsche Bundeskanzler und -präsidenten vor der Knesset und – wie zuletzt beim großen Gedenken an 75 Jahre Befreiung von Auschwitz – ein deutscher Bundespräsident sogar in Yad Vashem die Stimme erheben dürften! Wer hätte sich die bunte Vielfalt vorstellen können, die heute unseren Austausch prägt: zwischen Ministerien, Universitäten und Unternehmen, zwischen Start-up-Pionieren und Künstlerinnen, zwischen Strandgängern in Tel Aviv und Berghain-Gängern in Berlin. Fast wie Alltag, fast wie eine Selbstverständlichkeit – aber all das ist eben nicht selbstverständlich, sondern es ist ein tiefer Vertrauensbeweis für unser Land. Das empfinde ich persönlich und – ich bin sicher – ganz viele hier im Saal!

Freundschaft ist nichts Abstraktes. Sie kann nicht angeordnet werden. Sie lebt von Menschen, von ihren ganz persönlichen Verbindungen. Lieber Buji, wie viele Jahre kennen wir uns schon, wie viele Jahre schätze ich Deine Klugheit, Deine Erfahrung, Deinen Humor. Wie oft haben wir beisammengesessen, hier in Berlin oder in Eurem Garten in Tel Aviv – in unterschiedlichsten Ämtern und Funktionen, in schönen und wichtigen Momenten, auch in Zeiten, die wir vielleicht nicht zu den Höhepunkten unserer politischen Karrieren zählen würden. Aber ob in der Regierung oder in der Opposition, der Gesprächsfaden zwischen uns ist nie abgerissen. Dass ich Dich als Präsidenten Deines Landes eines Tages als Präsident meines Landes hier empfangen würde, das hätte keiner von uns beiden geglaubt. Umso mehr freue ich mich und bin ich dankbar für das Geschenk Deines Besuches, lieber Isaac, denn Du bist unserem Land durch Deine Familie auf besondere Weise verbunden.

Dein Vater Chaim Herzog hat als Offizier der britischen Armee das Konzentrationslager Bergen-Belsen mitbefreit. Wie bewegend war es, als er 1987 an diesen Ort zurückkehrte, als erster Präsident Israels, der zum Staatsbesuch nach Deutschland kam, als erster Präsident Israels, der zu einer solchen Geste der Versöhnung bereit war! Chaim Herzog sprach dort vom Grauen, das er 1945 als Soldat gesehen hatte, von der Trauer, dem Schmerz, der immer bei ihm war. Ich bin seinem Sohn, ich bin Dir, lieber Isaac, zutiefst dankbar, dass Du diesen Weg der Versöhnung auf Deine ganz eigene Weise weitergehst. Am Dienstag werden wir gemeinsam die Gedenkstätte Bergen-Belsen besuchen und uns gemeinsam an diesem Ort des Grauens der entsetzlichen Verbrechen der Deutschen erinnern.

Und erinnern müssen wir Deutsche uns. Für das Menschheitsverbrechen der Shoah trägt mein Land eine Verantwortung, die niemals vergeht. Die Erinnerung an das, was geschehen ist und geschehen kann, muss uns eine Mahnung sein, für die Gegenwart und für die Zukunft: damit es nicht wieder geschieht. Nie wieder! Auf dieser Verpflichtung gründet die Demokratie dieses Deutschlands nach 1945.

Teil dieser historischen Verantwortung ist auch, dass wir nicht gleichgültig sein dürfen, wenn Antisemitismus wieder erstarkt. Ja, jüdisches Leben ist wieder aufgeblüht in unserem Land, und auch das ist ein Geschenk. Aber es erfüllt mich mit Zorn und es beschämt mich, dass Jüdinnen und Juden sich nach wie vor nicht sicher fühlen können – ausgerechnet in unserem Land. Für uns Deutsche kann es darauf nur eine Antwort geben: Wir dürfen keinerlei Antisemitismus dulden! Das ist die Verantwortung aus unserer Geschichte, das ist die Verantwortung gegenüber den hier lebenden Jüdinnen und Juden, aber das sind wir uns auch selbst und unserer Demokratie schuldig: Denn nur, wenn Jüdinnen und Juden sich hier vollkommen sicher und zu Hause fühlen, ist dieses Deutschland ganz bei sich.

Zu unserer Verantwortung als Deutsche gehört es auch, die vielen offenen Fragen, die blinden Flecken des Anschlags in München auszuleuchten – und auch die blinden Flecken in unserem Umgang in den Jahren danach. Viel zu lange haben wir den Schmerz der Hinterbliebenen nicht wahrhaben wollen. Und viel zu lange haben wir nicht wahrhaben wollen, dass auch wir unseren Teil an Verantwortung tragen: Es war an uns, für die Sicherheit der israelischen Sportler zu sorgen.

Welch unendlicher Vertrauensbeweis Israels war es, nach dem Menschheitsverbrechen der Shoah an den Spielen teilzunehmen – ausgerechnet in Deutschland. Sogar Überlebende der Shoah waren in der Mannschaft. Überlebende wie Shaul Ladany. Er, der als Junge Bergen-Belsen überlebt hatte, das Dein Vater, lieber Isaac, befreien half, entkam 1972 in München, ausgerechnet in Deutschland, ein weiteres Mal nur knapp seinem Tod. Und trotzdem tritt er seither unermüdlich für Versöhnung ein. Welch ungeheure Geschichte in der Spanne eines einzigen Lebens – mich bewegt das sehr.

Ja, unsere beiden Länder verbindet eine überaus schmerzhafte Geschichte. Uns verbindet aber auch das Bekenntnis zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit – und das Wissen, dass Demokratien wehrhaft sein müssen. In Israel weiß man das seit dem ersten Tag. Wir aber, hier in der Mitte des vereinten Europas, haben das wohl seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht so deutlich, so erschütternd empfunden wie in diesen Zeiten des brutalen und menschenverachtenden Angriffs Russlands auf die Ukraine. Umso mehr brauchen wir Partnerschaft, brauchen wir Stärke, und umso mehr müssen wir zusammenstehen gegen Menschenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus, gegen Aggression und Kriegsverbrechen.

Liebe Gäste aus Israel, wir stehen zusammen als Freunde. Freundschaft wächst über die Jahre und vor allem über viele Begegnungen. Freundschaft braucht Vertrauen. Freundschaft gründet auf Verlässlichkeit und gemeinsamen Werten. Freundschaft braucht aber auch gemeinsame Projekte und Vorhaben für die Zukunft.

Es stimmt mich optimistisch, dass viele, viele solcher gemeinsamen Projekte zwischen Israel und Deutschland auf dem Wege sind: in Kunst und Kultur, in Wirtschaft und Wissenschaft, im Sport. Und es stimmt mich erst recht optimistisch, dass es vor allem die jungen Menschen aus unseren beiden Ländern sind, die neugierig aufeinander sind, die die Zukunft – ihre gemeinsame Zukunft – gestalten wollen. Und sie können dabei viel voneinander lernen. Israelis sind gut im Abheben, Deutsche sind gut im Landen, so haben Sie, verehrter Herr Botschafter Prosor, es formuliert. Ich bin sicher: Sie werden hier in Deutschland jede Menge Start- und Landebahnen bauen – und ich möchte Sie heute noch einmal ganz herzlich willkommen heißen!

Liebe Gäste, ich bitte Sie nun, das Glas zu erheben auf Dein Wohl, lieber Isaac, auf Dein Wohl, liebe Michal, auf die jungen Menschen in unseren beiden Ländern und auf unsere tiefe Freundschaft! «


Quelle: Bulletin 105-1 des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 6. September 2022

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