Veröffentlicht am: 08.10.2023 um 22:27 Uhr:

Bundesregierung: Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier zur Eröffnung des Bürgerfestes „Im WIR verbunden"

Zur Eröffnung des Bürgerfestes „Im WIR verbunden" hat Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier am 8. September 2023 nachfolgende Rede in Berlin gehalten...

» Nur für den Fall, dass Sie es noch nicht gehört haben. Eine – ja, doch – Sensation bei der Basketball-Weltmeisterschaft heute beim Halbfinale. Unglaublich: Deutschland gewinnt gegen die USA, steht im Finale gegen Serbien. Wir drücken dem Team um Dennis Schröder die Daumen und sagen von hier aus: Herzlichen Glückwunsch!

Es ist Spätsommer, es ist Wochenende, wir stehen zusammen in diesem wunderschönen Park, alles ist vorbereitet für ein großes Fest. Und für meine Frau und mich ist das einer der schönsten und der fröhlichsten Momente dieses Jahres. Und das soll es eben auch für Sie sein, für Sie alle die heute hier sind. Liebe Gäste, herzlich willkommen im Schloss Bellevue!

Ich habe mich in diesem Jahr ganz besonders auf diesen Tag gefreut. Mehr noch als sonst schon! Denn Sie und ich, wir mussten auf ein solches Fest lange verzichten, länger warten als geplant: zunächst wegen Corona, dann wegen des – manche mögen sich erinnern – des Gewittersturms im vergangenen Jahr, als wir hier vor der Bühne schon schwimmen konnten und nach wenigen Minuten abbrechen mussten. Viele von Ihnen waren hier im letzten Sommer mit dabei – wie schön, dass Sie es in diesem Jahr wieder gewagt haben! Ich bin kein Wetterprophet, aber mit Blick nach oben, traue ich mich zu sagen, dass uns der Regen heute nicht in die Quere kommt! Diesen schönen Abend, liebe Gäste, den haben wir uns alle miteinander redlich verdient, finde ich!

Es gibt aber noch einen wichtigen weiteren Grund, warum ich mich auf dieses Fest gefreut habe, und der ist viel wichtiger als das Wetter und das lange Warten. Und dieser Grund sind Sie! Dieses Fest ist immer auch eine Ermutigung für all diejenigen, die sich in unserem Land engagieren, die sich für andere einsetzen. Und ich kann Ihnen sagen: Diese Ermutigung, die brauchen wir gerade so dringend wie lange nicht.

Es ist keine normale Zeit, in der dieses Fest stattfindet, keine Zeit wie jede andere. Viele spüren das. Viele machen sich Sorgen, und ich auch.

Ich mache mir Sorgen, weil es zu viele gibt, die unsere Demokratie schlechtreden und zu wenige, die sich dafür engagieren. Ich mache mir Sorgen wegen manchmal zu viel Kleinmut und Verzagtheit in unserem Land; ein Land, das so viel besser ist, als wir uns das im Alltag selbst gelegentlich zugestehen. Und ich denke vor allem an die Vielen, die sich wirklich jeden Tag dafür einsetzen, dass unsere Gesellschaft immer noch ein Stückchen besser wird – und diejenigen, die dafür selten Applaus bekommen, sondern sogar angefeindet oder angegriffen werden.

Manche bezahlen, ich weiß das, für ihren Einsatz einen hohen Preis: Wie eine engagierte Bürgermeisterin aus dem Süddeutschen, der ein paar Unzufriedene einen Galgen in den Garten gestellt haben. Oder wie der Gemeindevertreter, dem wegen einer Abstimmung, die manchen nicht passte, Fäkalien in den Briefkasten geworfen werden. Aber vor allem will ich heute an die Lehrerin und den Lehrer erinnern, die im Frühjahr in Burg im Spreewald die rechtsextremistischen Parolen, Hitlergrüße und Hakenkreuz-Schmierereien an ihrer Schule öffentlich gemacht haben. Die beiden sind heute hier! Und Sie werden es gelesen haben, die Lehrer wurden deshalb beschimpft, verunglimpft und bedroht, nicht zuletzt im Netz – solange, bis sie und ihre Familien es an ihrer Schule und in ihrer Stadt nicht mehr ausgehalten haben.

Aber, liebe Gäste: Einschüchtern lassen haben sie sich nicht! Sie haben nicht aufgehört, ihre Geschichte zu erzählen. Und sie haben – und das ist besonders wichtig – in ganz Deutschland große Unterstützung erfahren. Leise Leute haben sich laut zu Wort gemeldet! Diese Menschen haben bewiesen, dass wir in diesem Land zusammenstehen, dass wir auch zu diesen Lehrern stehen. Und das wollen wir den beiden heute Nachmittag noch einmal deutlich zeigen. Wie schön, dass Sie bei uns sind – herzlich willkommen hier in Bellevue!

Es ist keine normale Zeit, in der dieses Fest stattfindet. Und dass es stattfindet, dass Sie alle heute hier sind, das ist wichtiger denn je. Unter uns sind heute sehr viele Männer und Frauen, die sich jeden Tag für andere engagieren. Unter uns sind Bürgermeisterinnen, Bürgermeister und Gemeinderäte, die hinschauen und zuhören, die um Lösungen ringen, die Kompromisse schmieden, die für die Zukunft ihrer Stadt und ihres Dorfes arbeiten. Unter uns ist heute auch eine junge Stadtschulsprecherin aus Hessen, die sich in ihrer Heimatstadt für bessere Schulen, aber auch gegen Alltagsrassismus und die Diskriminierung ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler einsetzt. Ein Vereinsvorstand aus Mecklenburg-Vorpommern, der Kinder und Jugendliche fördert, die sozial oder finanziell benachteiligt sind. Eine Studentin aus Nordrhein-Westfalen, die sich ehrenamtlich für ältere Menschen einsetzt, für alle, die alleine sind, und auch noch für Obdachlose. Unter uns sind Frauen und Männer aus dem ganzen Land, die sich bei der Feuerwehr, dem Technischen Hilfswerk oder dem Roten Kreuz, den Maltesern, den Johannitern, der DLRG und bei den vielen, vielen anderen Organisationen engagieren – Menschen, die oft ihr Leben riskieren, um Brände zu löschen, Keller auszupumpen, Verletzte und Verschüttete zu retten.

Die alle sind Vorbilder! Die alle sind Mutmacher! Und das Beste ist, wie ich finde: Sie sind nicht allein! Ob Bahnhofsmission, ob Lesepate im Kiez oder Trachtenverein: Sie alle sind Deutschland! Sie alle, liebe Gäste, die genannten und die ungenannten, stehen für die Vielen, die unser Land tagtäglich zusammenhalten. Sie sind das wirklich starke Rückgrat unserer Demokratie. Für alles, was Sie tun, will ich Ihnen nicht nur heute, aber auch heute, den ganz herzlichen Dank im Namen des ganzen Landes sagen.

Ich wünsche mir, dass wir Sie, dass wir all diese Menschen, die sich reinhängen für andere, dass wir all die noch viel mehr ins Licht rücken, dass wir in dieser Zeit noch stärker zeigen und noch lauter sagen: Unser Land bleibt ein Land der Mitmenschlichkeit und des Gemeinsinns! Ein Land, in dem die Würde jedes Einzelnen geachtet und geschützt wird! Ein Land, in dem wir Menschenfeindlichkeit nicht dulden. Und vor allen Dingen: Ein Land, in dem wir den Feinden der Demokratie uns in den Weg stellen. Nicht nur auf dem Bürgerfest, sondern überall in Deutschland!

Ja, das sind schwierige, das sind herausfordernde Zeiten. Aber es sind keine Zeiten für Rückzug und Einigeln, keine Zeiten für Missgunst und Rechthaberei! Es ist Zeit für Zusammenhalt! Und vergessen wir nicht, was uns stark macht, was uns in Deutschland immer ausgemacht hat, worauf wir zusammen alle stolz sein können: das ist Menschlichkeit, das ist Gemeinsinn, das ist Anpacken, das ist Zuversicht.

Erinnern wir uns: Zusammen haben wir bisher jede Krise überwunden! Ich bin mir sicher: auch diese schwierige Zeit, in der wir uns befinden! Vertrauen wir auf unsere Kraft! Die Zukunft ist kein Schicksal, machen wir was draus!

Richtig ist auch: In einer Demokratie wollen nicht alle das Gleiche! Aber so verschieden wir in unserer offenen Gesellschaft auch sind: Als Bürgerinnen und Bürger haben wir alle eine Verantwortung für unsere Demokratie. Und diese Verantwortung, die kann keiner abgeben. Jede Wählerin und jeder Wähler ist selbst verantwortlich dafür, was mit der eigenen Stimme geschieht. Niemand kann sich damit herausreden, dass man nicht so genau überlegt oder nicht genau hingeschaut hat.

Demokratische Verantwortung, das heißt: Probleme ansprechen, Konflikte austragen, Streit aushalten – aber niemals aufhören, respektvoll miteinander umzugehen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen! Demokratische Verantwortung, das heißt: Alles stärken, was uns verbindet.

Und deshalb sage ich: Nehmen wir diese unsere Verantwortung an! Machen wir den Mutigen Mut! Geben wir Beispiel für andere! Und geben wir der Demokratie ein Gesicht – so wie Sie es tun!

Wie viel Kraft, auch wie viel Kreativität in unserem Land und in Europa stecken, davon können Sie sich hier im Park selbst ein Bild machen. Rund 60 Initiativen, Organisationen, Unternehmen stellen sich heute vor, unter ihnen der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds, der in diesem Jahr sein 25. Jubiläum feiert. Schauen Sie sich um, lassen Sie sich inspirieren. Und nehmen Sie möglichst viele Anregungen und Ideen mit nach Hause.

Hier bei uns in Bellevue ist jedenfalls, das versichere ich Ihnen, alles für ein schönes Fest vorbereitet. Tagelang, ich konnte es aus meinem Büro sehen, wurde gehämmert, gesägt, verkabelt, geprobt und angeliefert. Einen großen, großen Dank an alle Helferinnen und Helfer – und an die vielen Partner dieses Bürgerfests, ohne die es nicht möglich gewesen wäre! Und ich kann Ihnen noch was versprechen: Besonders geprägt wird das Programm heute und morgen von unseren diesjährigen Partnerländern, dem Freistaat Thüringen und der Tschechischen Republik: Liebe Thüringerinnen und Thüringer, liebe Tschechinnen und Tschechen: Herzlich willkommen, srde?n? vítejte!

Meine Frau und ich, wir freuen uns auf viele Begegnungen, Eindrücke und Gespräche. Es ist Ihr Bürgerfest, fühlen Sie sich hier wie zu Hause! Nehmen Sie den heutigen Abend als Dank und Ermutigung für Ihr Engagement, und tragen Sie morgen und übermorgen und die nächsten Wochen, Monate und Jahre, tragen Sie diesen Mut hinaus in unser Land!

Und jetzt kommt der Satz, auf den auch meine Frau und ich lange haben warten müssen: Das Bürgerfest ist eröffnet!

Herzlich willkommen und viel Vergnügen! «


Quelle: Bulletin 93-1 des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 12. September 2023

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