Veröffentlicht am: 06.11.2023 um 09:18 Uhr:

Bundesregierung: Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier zur Eröffnung der Ausstellung „Der deutsche Film. 1895 bis Heute“

Zur Eröffnung der Ausstellung „Der deutsche Film. 1895 bis Heute“ hat Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier am 14. Oktober 2023 in Völklingen folgende Rede gehalten...

» „Du musst mit einem Erdbeben beginnen und dann langsam steigern“ – das ist nicht mein Rat. Das ist Billy Wilder. So soll er sich die ideale Dramaturgie eines packenden Spielfilms vorgestellt haben. Aber sonderlich ernstnehmen muss man den Ratschlag nicht: Sie alle kennen Billy Wilder, er war ein Meister der Anfänge – mit einem Erdbeben hat er nie begonnen.

Aber das muss man ja auch nicht. Manchmal steckt das Sensationelle in dem, was ist. Und ich finde, wir gemeinsam erleben heute Abend etwas Sensationelles. Wir erleben, glaube ich, eine der glanzvollsten Ausstellungen, die es über den deutschen Film je gegeben hat. Ich bin dankbar, dass ich dabei sein darf. Einen herzlichen Dank allen, die am Zustandekommen dieser Gesamtschau mitgeholfen haben, – und einen noch größeren Glückwunsch!

Ich freue mich sehr über diese Ausstellung und ich freue mich sehr darüber, dass sie hier in Völklingen stattfindet. Sie wissen: Ich war im März erst hier und habe mir ein Bild gemacht und konnte sehen, wie Sie hier mit dem Umbruch umgehen, der eine alte Industrieregion trifft, die mit dem Erbe der Schwerindustrie eine große Last tragen muss, aber auch versucht, in diesem Erbe eine Chance zu sehen.

Dass die Ausstellung genau hier stattfindet, in der Gebläsehalle der alten Völklinger Hütte, die in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag feiert, scheint mir ein Beispiel dafür zu sein, wie man produktiv, zukunftsorientiert und mit einem attraktiven Programm mit diesem Erbe umgehen kann. Mit dieser Ausstellung an diesem Ort kreuzen sich zwei besondere Spuren deutscher Geschichte: Stahlindustrie und Film. Auf den ersten Blick sind sie einander ganz fremd, hier Kultur und dort Industrie, hier Ästhetik und dort Ökonomie.

Aber das gilt nur auf den allerersten Blick. Jeder weiß, dass die Stahl- und Bergbauindustrie, wo sie so eminent lebensprägend war wie hier im Saarland, oder auf ähnliche Weise im Ruhrgebiet, auch eine ganz eigene Kultur hervorgebracht und Menschen auf besondere Weise geprägt hat. Das Wort von der „Industriekultur“ meint ja mehr als nur verbliebene architektonische Zeugnisse. Da geht es auch um die Art zu leben, die Art, die Welt zu sehen, zu begreifen und sie darzustellen.

Der Film wiederum ist keine rein ästhetisch-künstlerische Angelegenheit. Filme müssen finanziert, vermarktet und verkauft werden. Wenn man von „Filmindustrie“ spricht, dann ist das keine Metapher, sondern bezeichnet den notwendigen ökonomischen Unterbau, der allem Glanz und allem Glamour, den wir mit dem Film verbinden, zugrunde liegt.

Und noch etwas verbindet Ort und Gegenstand der Ausstellung. Den tiefen, auch lebensweltlichen Wandel, für den die Völklinger Hütte steht, den erlebt auch der Film. Rainer Rother, der Leiter der Deutschen Kinemathek Berlin, hat neulich davon gesprochen, dass die „Rezeption des Bewegtbildes sich in einem Umbruch befindet, wie wir ihn zuletzt vermutlich im Übergang vom Stumm- zum Tonfilm erlebt haben“.

Was er damit meint, dafür zwei Beispiele: Noch vor wenigen Jahrzehnten hieß ein heute geradezu nostalgisch anrührender Werbespruch: „Mach‘ Dir ein paar schöne Stunden, geh‘ ins Kino!“ Heute heißt es eher, allein oder mit ein paar anderen: Wir machen uns ein paar schöne Stunden und schauen uns zu Hause eine ganze Serie am Stück an. Und wo man früher darauf warten musste, dass ein tapferes Programmkino vielleicht noch einmal diesen oder jenen Klassiker ins Programm nehmen würde, tragen wir heute, wenn wir wollen, einen großen Teil der Filmgeschichte mit unserem Smartphone jederzeit abrufbar in der Tasche.

Das alles bewirkt natürlich neue Sehgewohnheiten und neue Publikumserwartungen, neue Produktions- und Distributionsbedingungen, neue Möglichkeiten und Freiheiten, aber auch neue Zwänge. Und, wenn ich das für mich sagen darf, auch den Verzicht auf das Gemeinschaftserlebnis Kino.

Der Film, das Bewegtbild, wie Rainer Rother sagt, ist also ein getreues Spiegelbild der sich vor unser aller Augen verändernden Zeiten. Solche Zeiten des Umbruchs verlangen einen mutigen Blick nach vorne und eine unverdrossene Suche nach neuen Wegen.

Solche Zeiten des Umbruchs lohnen, glaube ich, aber auch einen Blick zurück. Nicht nur mit Wehmut über Vergangenes, das wir schmerzlich vermissen, sondern auch mit wachem Interesse für das, was einmal gelungen ist; einen Rückblick auf das Wichtige und Schöne, das – häufig genug auch in schwierigen Zeiten – geschaffen wurde.

Und diesen Rückblick leistet diese Ausstellung. 1895 bis heute, das sind 128 Jahre deutscher Film: mehr als ein Jahrhundert große Unterhaltung und große Kunst, Kitsch und Genie, Propaganda und Aufklärung. Der deutsche Film, das sind kühne Experimente für begeisterte Kenner, wie auch Kassenschlager beim breiten Publikum. Der deutsche Film, das ist Skandal und Jubel, Lachen und Weinen, Erkenntnis und Verführung, Traumwelt und harter Realismus. Verstörung vertrauter Muster und Angebote zur Geborgenheit, Infragestellung der Existenz und Zustimmung zum Leben. Schock und Trost, Aufbruch und Nostalgie, Gewalt und Harmonie. Fremde Welten und Heimat, und natürlich: Liebe und Hass. Das alles war und ist Film, das alles war und ist deutscher Film.

Der deutsche Film ging von Anfang an auf große Erkundungsreisen: in die Zukunft etwa, mit „Metropolis“, und auch in die mythische Vergangenheit, mit den „Nibelungen“, beide gedreht vom gleichen Regisseur: Fritz Lang.

Der deutsche Film erkundete die unmittelbare Gegenwart, mit schnellen Schnitten, in der Übergangszeit eines neuen Berlin, wie mit „Lola rennt“ von Tom Tykwer, und er nahm sich mehr Zeit für die Verfilmung von Thomas Manns „Buddenbrooks“ mit Armin Müller-Stahl und Iris Berben, und noch viel mehr Zeit, um die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts zu erzählen, wie Edgar Reitz in seinem monumentalen, über 50-stündigen „Heimat“-Epos.

Der deutsche Film erkundete den „Abschied von gestern“ in diesem und anderen Filmen Alexander Kluges. Und er stellte sich den unausweichlichen Fragen aus der Vergangenheit der Diktatur, des Krieges, der Nachkriegszeit und der jungen Bundesrepublik wie in dem atemlosen Werk Rainer Werner Fassbinders, in Margarethe von Trottas „Die bleierne Zeit“ oder in der oscargekrönten „Blechtrommel“ Volker Schlöndorffs.

Im Osten, aber dann auch im Westen, war „Die Legende von Paul und Paula“, der DEFA-Film von Heiner Carow nach dem Drehbuch von Ulrich Plenzdorf, ein riesiger Erfolg. Dieser Film vermittelt bis heute wie kein anderer das Lebens- und Aufbruchsgefühl junger Menschen in der DDR der 1970er Jahre. Und „Sommer vorm Balkon“ von Andreas Dresen zeigt in jeder Einstellung, auch viele Jahre nach der „Wende“, noch einmal die herausragende Drehbuchkunst von Wolfgang Kohlhaase, dem schon 1957 mit „Berlin – Ecke Schönhauser“ ein unvergleichliches Stück deutscher Zeitgeschichte geglückt war.

Einen der jüngeren deutschen Filme, der mich tief beeindruckt hat, darf ich dann auch nennen: „Der Staat gegen Fritz Bauer“, worin Burghart Klaußner den unbestechlichen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gibt, einen Staatsanwalt, der, gegen alle Widerstände, dafür sorgen wollte, Adolf Eichmann, den exemplarischen und schlimmsten Fall des Schreibtischtäters als Massenmörder, im eigenen Land vor Gericht zu stellen. Unvergesslich, mit welcher entschiedenen Intensität Klaußner im Film den erschütternden Satz sagt: „Niemand, von Bonn bis Washington, will Eichmann vor Gericht.“ Und, nicht weniger erschütternd: „Meine eigene Behörde ist Feindesland.“ Ich bin froh, dass so viele diesen Film gesehen haben und so ein wesentliches Stück der frühen Nachkriegsgeschichte nicht vergessen ist.

Der deutsche Film brach mit Traditionen und schuf neue, unerhörte visuelle Erfahrungen wie in „Freak Orlando“ oder anderen Filmen Ulrike Ottingers. Neu in der Bundesrepublik, sollte ich sagen, aber nicht in der Geschichte des deutschen Films. Schon früh, 1931, in der bewegten und bewegenden Atmosphäre der späten Weimarer Republik, erzählt der Film von gleichgeschlechtlichem Begehren: „Mädchen in Uniform“, in der Carl-Froelich-Produktion. Und als es 1958 – mitten im angeblichen Fünfziger-Jahre-Mief – davon ein Remake gab, da trauten sich Romy Schneider und Lilli Palmer, die Hauptrollen zu spielen.

Auch der Neue Deutsche Film vergaß seine Herkunft nicht: Wim Wenders besetzte 1993 Nastassja Kinski als zärtlichen blonden Engel, der sich, fragend und segnend, über den 91-jährigen Heinz Rühmann beugt, der dann noch einmal sein jungenhaftes Lächeln zeigt. Es war dessen letzter Auftritt: „In weiter Ferne, so nah!“

Dieser Wenders-Titel könnte emblematisch über der Geschichte des deutschen Films stehen. In weiter Ferne, so nah: Der zwar nicht blonde, sondern „Blaue Engel“, das Meisterwerk von Josef von Sternberg, er war für die große Marlene Dietrich der Anfang einer Karriere als Weltstar. Und Marlene Dietrich wiederum steht stellvertretend für all die großen deutschen und europäischen Filmkünstler, darunter viele Juden, für all die Autoren, Schauspieler und Regisseure, die nach 1933 ins amerikanische Exil gingen oder vertrieben wurden. Wer ist nicht ergriffen, wenn im unsterblichen „Casablanca“ neben den beiden Hauptstars Ingrid Bergman und Humphrey Bogart eben auch Peter Lorre, Curt Bois, Paul Henreid, Conrad Veidt zu sehen sind – ebenso wie Szöke Szakáll als gewitzter Oberkellner Carl, der direkt aus einem Wiener Caféhaus zu kommen scheint. Sie alle sind Emigranten – ausgerechnet in einem Film mit diesem Thema: Emigration.

Während der nationalsozialistischen Diktatur wurden auch in Deutschland weiterhin Filme gedreht, cineastisch zum Teil auf hohem Niveau. Dafür stehen Namen wie Leni Riefenstahl oder Veit Harlan, die ihr – unbestreitbar großes – Können in den Dienst eines terroristischen Systems stellten. Gilt nicht auch für diese Filme, was Thomas Mann über die damals in Deutschland erschienenen Bücher gesagt hat: „Ein Geruch von Blut und Schande haftet ihnen an“? Aber ich finde: Wir können und sollten sie nicht „einstampfen“, wie Thomas Mann dachte, sondern sie im Gegenteil genau studieren als Exempel für Verirrung und Verrat einer Kunst, die sich den herrschenden Verbrechern andient, auch wenn sie vordergründig ganz unpolitisch und heiter daherkommt, wie auch, man muss es leider sagen, die wohl von jedem noch immer geliebte „Feuerzangenbowle“.

Von allen Künsten kann der Film, wie sonst wohl nur die Musik, am direktesten unsere Emotionen wecken: Der Schrecken, den – ausgerechnet! – Max Schreck als „Nosferatu“ in Murnaus frühem Horrorfilm verbreitet; das herzzerreißende, unendliche Glück, das Lilian Harvey auf ihrer Kutschfahrt und mit ihrem Lied „Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder“ in „Der Kongress tanzt“ darstellt; die Untröstlichkeit über die Erschießung Nscho-tschis in „Winnetou I“, ausgerechnet durch Mario Adorf, der bis heute zu Recht zu Deutschlands herausragendsten Schauspielern zählt; die frechen und wahrhaftigen Sprüche Manfred Krugs, der in „Spur der Steine“ die staatliche Autorität bis aufs Blut reizt; die verliebten Augen der frischgeduschten Sabine Bach, die mit dem Rotweinglas in der Hand in „Berlin Chamissoplatz“ dem Klavierspiel von Hanns Zischler zuhört; die unvergleichliche Stimme von Hanna Schygulla, wenn sie in Fassbinders „Lili Marleen“ sagt: „Aber ich sing‘ doch nur ein Lied“; der urplötzliche Moment der Angst, wenn in Wolfgang Petersens „Boot“ der Zerstörer im Sehrohr erscheint; die selbstbewusste Renate Krößner in „Solo Sunny“, gedreht von Konrad Wolf, die ihrem One-Night-Stand morgens, nach dem Aufziehen der Rollos, kurz zuruft: „Is ohne Frühstück“ – und als der Mann etwas begriffsstutzig reagiert, ihm endgültig Bescheid gibt: „Is auch ohne Diskussion!“

Ich könnte, Sie merken es, noch endlos fortfahren, und sicher hat jeder von Ihnen noch weitere und andere Lieblingsszenen aus dem deutschen Film im Kopf, die uns ein für alle Mal ins Herz getroffen haben und, vor allem, im Gedächtnis geblieben sind.

Dafür ist der Film da. Und um uns an vieles zu erinnern, das wir vielleicht doch vergessen haben, ist diese Ausstellung hier in Völklingen da. Ich wünsche dieser Ausstellung eine schier unendliche Zahl an Besuchern, sozusagen aus weiter Ferne und von Nah!

Und ich garantiere Ihnen: Niemand, der kommt, wird es bereuen! «


Quelle: Bulletin 113-3 des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 16. Oktober 2023

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