Veröffentlicht am: 30.03.2024 um 09:16 Uhr:

Bundesregierung: Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier zur Eröffnung der Ausstellung „Neu anfangen. Nur wie? Espelkamp und andere ‚Flüchtlingsstädte‘ in den 1950er Jahren“

Zur Eröffnung der Ausstellung „Neu anfangen. Nur wie? Espelkamp und andere ‚Flüchtlingsstädte‘ in den 1950er Jahren“ am 12. März hat Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier nachfolgende Rede in Espelkamp gehalten...

» „Keine Straße, alles Sand, eine Kiefer nach der anderen.“

Mit diesen Worten hat eine Zeitzeugin beschrieben, was sie sah, als sie zum allerersten Mal nach Espelkamp kam. Manchmal sieht man einem Ort eben nicht an, wie viel Hoffnung er Menschen machen kann.

Espelkamp aber, dieser Ort, den es eigentlich noch gar nicht so richtig gab, der kaum zu sehen war, er machte in jenen ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg vielen Menschen eine Hoffnung, wie sie größer eigentlich gar nicht sein konnte. Hoffnung aufs Ankommen, Hoffnung auf Sicherheit, Hoffnung auf Zukunft – Hoffnung vielleicht sogar auf Heimat.

Es freut mich besonders, dass meine erste Ortszeit im 75. Gründungsjahr der Bundesrepublik mich gerade hierher führt. Denn auch Sie, liebe Gäste, feiern in diesem Jahr den 75. Geburtstag Ihrer immer noch sehr jungen Stadt. Sie wissen es vielleicht: Mehrmals im Jahr verlege ich meinen Amtssitz von Schloss Bellevue hinaus ins Land, reise mit etwas Zeit im Gepäck in kleinere Städte. In Städte, auf die das Scheinwerferlicht nicht ganz so häufig fällt. Die Orte, die ich besuche, sind so vielfältig und unterschiedlich wie die Geschichten, die mir die Menschen dort erzählen. Das war auch heute an meinem ersten Tag hier so und ich bin ganz gespannt auf die kommenden Tage, die nun vor uns liegen.

Eins kann ich nach meinem Gang durch die Stadt schon sagen: Wer heute mit wachen Augen durch Espelkamp läuft, der kann sich eigentlich kaum noch vorstellen, dass dieses lebendige Gemeinwesen vor 75 Jahren nicht existierte. Aus der „Idee Espelkamp“, wie es damals hieß, ist eine ganz besondere, ja, eine wie ich glaube in Deutschland wirklich einzigartige Stadt geworden. Die Geschichte Espelkamps ist mehr, sehr viel mehr als die Geschichte einer Kommune, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstand. Hier verdichtet sich ein zentrales Kapitel der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Und es ist Gott sei Dank auch ein Kapitel des Zusammenwachsens.

Ich freue mich deshalb ganz besonders darüber, dass das Deutsche Auswandererhaus dieser Geschichte im 75. Jahr unserer Bundesrepublik nun diese Sonderausstellung widmet, die ich gerade sehen durfte. Eine Ausstellung, die einen von mehreren Teilen eines Projekts zur Einwanderungsgeschichte unseres Landes bildet. Und ich freue mich, dass ich gemeinsam mit Ihnen zu den ersten Besuchern dieser Ausstellung gehöre. Sie handelt vom Neuanfang – von jenem Neuanfang, den Millionen aus dem Osten Geflüchtete und Vertriebene im damals kriegszerstörten Deutschland unter großen Schwierigkeiten finden mussten. Ich kenne diese Geschichte selbst sehr gut. Denn sie ist auch Teil meiner Familiengeschichte.

Meine eigene Mutter gehört zu diesen Menschen. Sie kam im Viehwaggon mit vielen anderen aus Breslau und landete gar nicht weit von hier im Lipper Land. Sie war einer von zwölf Millionen Menschen, die bis 1950 in das aufgeteilte Deutschland zuwanderten. Zwei Drittel davon siedelten sich in der späteren Bundesrepublik an. Ansiedeln – das klingt so freundlich und geplant.

Aber ich komme noch einmal zurück auf die Erinnerungen von Zeitzeugen wie jener Frau, die ich eingangs zitiert habe. Die Ausstellung stützt sich auf ganz viele solcher Zeitzeugeninterviews. Und wir Älteren, wir mögen die Schilderungen jener Trecks, die – scheinbar endlos – durchs Land führten, noch kennen. Menschen, die fast nichts mehr hatten, gezeichnet von Flucht, Hunger, Schmerz und Verlust machten sich auf eine Fahrt ins Ungewisse, viele überlebten die Reise nicht. Sie kamen in ein Land, in dem Mangel an fast allem herrschte; die Zerstörung so groß war, dass sie hier kaum mit einem nur freundlichen Empfang rechnen konnten.

In Ostwestfalen war jeder fünfte Mensch ein Flüchtling oder Vertriebener. Hier im ländlich-bäuerlichen Gebiet des heutigen Espelkamp lebten – oder für die damaligen Verhältnisse muss man sagen, das zeigen die Bilder in der Ausstellung: hausten eher – Familien in Ställen und Scheunen, manche in den Baracken der ehemaligen Munitionsfabrik. Ein Herd für vier Familien oder mehr, das war keine Seltenheit. Dazu war die Arbeit rar; Ressentiments, Feindseligkeiten, auch Abwertung waren an der Tagesordnung. Es fiel schwer, nicht nur in Espelkamp, damals Hoffnung zu finden.

Aber in Espelkamp gelang genau dies. Im Gründungsjahr der Bundesrepublik taten sich das evangelische Hilfswerk und das damals auch noch junge Land Nordrhein-Westfalen in einem beispiellosen Projekt zusammen, um Wohnraum und Arbeit für die Hinzugekommenen zu schaffen. Aus den Überresten einer Produktionsstätte für Vernichtung wurde der Grundstein für einen kollektiven Neuanfang.

Der Name Espelkamp wurde für viele schon nach kurzer Zeit wirklich zu einem Symbol der Hoffnung, zunächst für die Vertriebenen, auch für die Aussiedler mennonitischen Glaubens, dann für Spätaussiedler aus den vielen Regionen der ehemaligen Sowjetunion, sich hier ansiedelten. Hinzu kam die sogenannte Gastarbeitergeneration – Menschen aus Italien, Griechenland, Spanien, später der Türkei –, aus der viele zu Einwanderern, zu Deutschen wurden. Noch später kamen Geflüchtete, die aus Krieg und Bürgerkriegsgebieten in Syrien, Afghanistan und anderen Ländern geflohen sind, hinzu.

Wohl kein Ort in Deutschland ist so von der Aufnahme von Vertriebenen, Zuwanderern und Geflüchteten, aber auch vom sukzessiven Heimischwerden der Neubürger geprägt wie diese Stadt. Und sie steht damit ein Stück weit für unser Land. Denn das „Wir“ in der Bundesrepublik des Jahres 2024 ist heute so vielgestaltig und vielfältig wie nie.

Nun wird niemand behaupten wollen, erst recht ich nicht, dass das Zusammenleben und dass das Zusammenwachsen in Espelkamp und anderswo einfach war oder einfach ist, dass es keine Konflikte und auch Abwehrreaktionen unter den unterschiedlichen Gruppen gegeben habe. Und die Aufgabe des friedlichen Zusammenlebens der Verschiedenen ist ich Laufe der Jahre gewiss nicht kleiner geworden.

Aber wenn Migrationsforscher, so wie sie es in der Vergangenheit getan haben, Ihre Stadt hier unter die Lupe nehmen, dann können auch wir Nichtwissenschaftler sagen: Es lohnt sich, von Espelkamp zu lernen. In 75 Jahren ist hier wirklich viel Gutes entstanden.

Das gilt ganz praktisch – wie am Beispiel der internationalen Schulklassen, in denen der Spracherwerb Priorität hat, und wir werden morgen einen Eindruck der Schule gewinnen können. Sie haben offenbar besser als andere verstanden, dass Sprache die Eintrittskarte zur gesellschaftlichen Teilhabe ist.

Und wir können alle vielleicht von jenem ganz besonderen Geist der Anfangsjahre in Espelkamp lernen. Es gab zwar wenig, worauf man damals seine Hoffnung bauen konnte. Aber alles, was gelang, das gelang deshalb, weil Menschen sich in einer schwierigen Situation aufs Miteinander besannen – und weil eine gute Mischung entstand: aus Tatkraft, aus Zuversicht und Solidarität.

Ich nehme diese Erkenntnis auch heute immer wieder mit und zwar oft dann, wenn ich bei meinen Ortszeiten Menschen treffe, die nicht nur meckern, sondern anpacken, die sich einbringen, die Mut haben und Mut machen. Diese Espelkamper Mischung, wie ich es nenne, funktioniert immer wieder – hier sowieso und anderswo in Deutschland. Gott sei Dank ist das so.

Es ist eine Freude für mich, Ihrer auf diese Weise zusammengewachsenen Stadt heute mit der Eröffnung dieser Ausstellung zum 75. Geburtstag gratulieren zu dürfen. Herzlichen Glückwunsch! «


Quelle: Bulletin 20-2 des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 14. März 2024

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