Veröffentlicht am: 01.09.2025 um 06:41 Uhr:

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Bundesregierung: Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier bei einem Empfang, gegeben von der Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland in Japan

Bei einem Empfang, gegeben von der Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland in Japan hat Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier am 18. Juni 2025 folgende Rede in Tokio gehalten

» Wenn ein Bundespräsident ein Land gleich vier Mal besucht, dann kann man wohl von einer besonderen Beziehung ausgehen – und von einem ganz besonderen Interesse. Japan hat für mich und für unser Land große Bedeutung, und das nicht erst in diesen Tagen. Wir blicken auf über 160 Jahre deutsch-japanischer Beziehungen zurück, sogar noch ein paar Jahre mehr. Deutschland und Japan: Das sind zwei Länder, die geografisch weit voneinander entfernt liegen, die eine sehr unterschiedliche Geschichte haben und sich doch so nah sind – in ihrem Werteverständnis, in ihrer Haltung zur Welt, im Respekt vor Recht, Freiheit und Verantwortung.

Ich musste nicht erst Bundespräsident werden, um zu erkennen, was für ein außergewöhnliches und wichtiges Land Japan ist. Meine persönliche Faszination begann etwas früher – spätestens begann sie irgendwann Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre, als es bei mir klick gemacht hat. Damals hielt ich zum ersten Mal einen Walkman in der Hand. Für die Jüngeren unter Ihnen: Das war sozusagen der Urgroßvater aller mobilen Endgeräte, auch des Smartphones – mit weniger Funktionen, aber, wie ich finde, deutlich mehr Magie. Damals kam der Walkman fast einer Revolution nahe, denn plötzlich konnte jeder für sich Musik hören, unterwegs, mit Kopfhörern. Einfach Batterien rein, Kassette einlegen, Play drücken – und los ging’s. Und bei meinem ersten war sogar UKW-Empfang dabei, wie ich mich erinnere. Später kam dann der Disc-Player, später kam der MP3-Player, bevor dann der „Computer im Handyformat“ Einzug gehalten hat. Das war damals für die junge Generation der 1970er Jahre nicht nur eine technische Neuerung, das war ein Gefühl von Modernität und Zukunft. Und so wurde für viele meiner Generation Japan ganz unaufdringlich und selbstverständlich ein Teil unseres Alltags – und eben auch: ein Teil unserer Vorstellung von Zukunft und Fortschritt. Der Urgroßvater Walkman steht natürlich nur stellvertretend für eine Volkswirtschaft der Spitzentechnologie hier in Japan, vom Automobilbau über Elektronik bis hin zum Maschinenbau und Schiffbau. Und es steht natürlich nur stellvertretend für Unternehmen, die in Europa nicht weniger bekannt sind als hier in Japan.

Heute, viele Jahre später, hat sich mein Blick auf Japan natürlich verändert – oder ich sollte vielleicht eher sagen: erweitert. 2006 war ich das erste Mal hier, und ich bin in dieser Zeit in Japan, erst als Außerminister und später als Bundespräsident, ein bisschen herumgekommen. Und ich habe ein Land kennengelernt, das seine Geschichte kennt, seine Werte lebt und seine Verantwortung in der Welt wahrnimmt. Und ich habe Menschen getroffen – in der Politik, in der Wissenschaft, in der Kultur und Zivilgesellschaft –, mit denen uns ein starkes gemeinsames Fundament verbindet: das Einstehen für Freiheit, für Demokratie und ein regelbasiertes Miteinander, um Frieden, Völkerrecht und Stabilität zu wahren und zu verteidigen.

Gerade in einer Zeit, in der die Welt aus den Fugen scheint, in der Gewalt, krude Machtpolitik und Misstrauen um sich greifen, ist diese Verbindung zwischen Deutschland und Japan wichtiger denn je.

In der Außen- und Sicherheitspolitik ist unser Austausch gegenwärtig von besonders großer Bedeutung, denn wir haben verstanden: Die Sicherheit in Europa und die Sicherheit in Asien sind aufs Engste miteinander verbunden. Wir wissen Japans Unterstützung der Ukraine sehr zu schätzen. Und auch Deutschland wird weiter Präsenz im Indopazifik zeigen. Japan ist ein Partner, auf den wir zählen können – in der Außen- und Sicherheitspolitik genauso wie in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit oder bei Zukunftsthemen wie Energie, Cybersicherheit, technischer Innovation und Raumfahrt. Japan ist auf vielen dieser Felder für uns weiter ein großes Vorbild. Kurz: Es gibt noch viel Potenzial für vertiefte Kooperation. Und ich bin deshalb sehr froh, heute Abend mit einer Delegation aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur hier zu sein – wir wollen voneinander lernen und auch in Zeiten der Krisen und Konflikte gemeinsam weiter nach vorne denken.

Ein Geheimnis will ich Ihnen noch verraten: Was mich in den letzten Jahren, in denen ich hier gewesen bin, immer an Japan besonders beeindruckt hat, ist etwas, das man nicht so leicht in politische Kategorien fassen kann. Es ist ein Gefühl, vielleicht eine Philosophie. Ein Blick auf die Welt, der nicht völlig identisch ist mit unserem. Ein japanischer Ausdruck, der sich schwer übersetzen lässt: „mono no aware“. Er beschreibt die stille Wehmut, die man empfindet, wenn man einen schönen Moment erlebt, im Wissen, dass er vorübergehen wird. Die Kirschblüte ist ein Symbol dafür: Sie blüht, sie verzaubert – und vergeht. Und gerade das macht sie so kostbar.

Ich finde, darin liegt ein bittersüßer, aber auch ein sehr tröstlicher Gedanke. Er lehrt uns, die Schönheit des Augenblicks wahrzunehmen und zu würdigen, denn diese gibt es auch in politisch schweren Zeiten. Augenblicke wie einen solchen gemeinsamen Abend wie heute zum Beispiel. Und damit auch Raum bleibt für Begegnung und Gespräch und vielleicht sogar für einen kleinen Hauch „mono no aware“, will ich jetzt nicht in Endlosschleife weitermachen. Der Walkman konnte das ja auch nicht. Der machte, wenn das Band zu Ende war, einfach Klick, und dann war Zeit für einen Seitenwechsel.

Und Zeit für einen Seitenwechsel ist auch jetzt – ich freue mich, dass ich mich jetzt unter Sie mischen darf. «


Quelle: Bulletin 49-1 des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 24. Juni 2025

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