Veröffentlicht am: 24.09.2025 um 08:50 Uhr:
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Bundesregierung: Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier bei einer Ordensverleihung während der „Ortszeit Neuruppin“
» „Mich rühren die sandigen Wege / Im alten sandigen Land. / Die Heckenrosengehege. / Die Holderbüsche am Rand / der alten Felderraine. / Die Gräser reden mir da / Von Zeiten, die warn noch nicht meine.“
Dass bei Reden in Neuruppin ein gewisser Dichter zitiert wird, ist sicher keine Seltenheit. Und überhaupt ist es in ganz Brandenburg eigentlich nie verkehrt, Theodor Fontane zu zitieren, schließlich hat keiner dieses Land so liebevoll – und so genau – beschrieben wie er.
Trotzdem stammen die Zeilen, die Sie gerade eben zu Beginn gehört haben, nicht von ihm. Die Neuruppinerin Eva Strittmatter hat sie geschrieben in ihrem Gedicht „Mark“. Und ich finde diese Worte wirklich berührend. Denn man spürt sofort: Hier ist jemand mit seiner Heimat verwurzelt und verbunden. Verwurzelt sein, das heißt nicht unbedingt, alles gut zu finden. Aber es heißt: Dieser Ort, mit seinen Schönheiten und mit seinen Eigenheiten, auch mit seinen Herausforderungen – dieser Ort kann einem einfach nicht egal sein.
Und genau deshalb beginne ich diese schöne Zeremonie gern mit Eva Strittmatters Worten. Denn, liebe künftige Ordensträgerinnen und Ordensträger, ich bin mir ganz sicher: Jede und jeder Einzelne von Ihnen ist ein Mensch, der ganz fest verbunden ist mit seinem Stück Heimat, seinem Dorf, seiner Stadt – und vor allem mit seinen Mitmenschen.
Sie, liebe Gäste, sind heute hier, weil Sie aus dieser Verbundenheit mit Ihrem Ort etwas gemacht haben: Sie haben Verantwortung übernommen, Sie haben Ideen entwickelt und Projekte ersonnen. Sie bringen sich ein, Sie machen mit – und Sie machen Mut. Sie alle kümmern sich! Sie kümmern sich um Ihre Gemeinden, und Sie kümmern sich um andere Menschen. Sie kümmern sich um Jüngere und Ältere, um Schwächere und Kranke.
Und Sie geben anderen Kraft! Mit Ihrer eigenen Kraft, mit Ihrem Ideenreichtum oder Ihrem Sportsgeist, mit Ihrer Kreativität oder Ihrer Liebe zur Kultur – Sie machen mit all dem das Leben anderer Menschen leichter, reicher, fröhlicher und schöner! Wo andere nicht weiterwissen oder -können, wo andere etwas lernen wollen oder alleine einfach stumm bleiben würden, da ermutigen Sie Ihre Mitmenschen, auch dabei zu sein. Sie engagieren sich zum Beispiel kommunalpolitisch und machen damit ganz konkret Ihre Gemeinden zu besseren Orten, an denen man gerne verwurzelt ist.
Sie stärken damit an jedem einzelnen Tag nicht nur andere, sondern uns alle als Gesellschaft. Sie machen sich um uns alle verdient. Sie sind genau diejenigen, die das Wort Zusammenhalt in unserem Land nicht nur dahersagen, sondern mit Leben füllen. Damit machen Sie uns allen ein riesiges Geschenk. Und was das Ganze noch schöner macht: Wie ich aus Gesprächen mit Ehrenamtlichen immer wieder erfahre, empfinden auch sie selbst ihre eigene Arbeit oft als Geschenk. Ich würde sagen: Eine echte Win-win-Situation für uns alle.
Genau deshalb möchte ich Ihnen heute – ganz offiziell und stellvertretend für unser Land – von ganzem Herzen danke sagen! Die höchste Anerkennung, welche die Bundesrepublik für Verdienste um das Gemeinwohl hat, ist der Verdienstorden. Und es gehört zu meinen schönsten Pflichten als Staatsoberhaupt, genau diesen Orden zu verleihen. Ich freue mich sehr darauf, Sie gleich im Anschluss an diese Rede auszuzeichnen!
Aber vorher noch einmal kurz zurück zu Eva Strittmatter – oder eher zur Heimatstadt der Dichterin, dem schönen Neuruppin, in dem wir heute zusammenkommen. Ich möchte Ihnen ein wenig darüber erzählen, warum Sie den Orden ausgerechnet hier im Ruppiner Land bekommen und nicht an einem der vielen anderen schönen Orte Brandenburgs, die es reichlich gibt.
Vielleicht haben Sie ja mitbekommen, – in der Zeitung oder im Radio – dass ich die vergangenen drei Tage hier verbracht habe und versucht habe, mir so viel wie möglich anzuschauen und mit so vielen Menschen wie möglich ein bisschen vertiefter ins Gespräch zu kommen. Das mache ich seit Beginn meiner zweiten Amtszeit – also seit drei Jahren – regelmäßig: Rund viermal im Jahr verlege ich meinen Amtssitz gleich für mehrere Tage in kleinere und mittelgroße Städte in Deutschland.
Wir nennen diese Reisen „Ortszeit“. Wenn ich zu einer „Ortszeit“ aufbreche, dann möchte ich immer wissen, was die Menschen vor Ort umtreibt. Ich möchte ihre Fragen hören und sie auch einladen, zu diskutieren. Das brauchen wir für den Zusammenhalt in unserem Land. Denn wer zusammenhalten will, der muss erst einmal zusammenkommen. Meine einfache Formel dafür lautet: Demokratie braucht Austausch, Austausch braucht Nähe, Nähe braucht Begegnung, Begegnung braucht Zeit. Und genau diese Zeit versuche ich, mitzubringen.
Bei meinen „Ortszeiten“ interessiert mich zugleich, was ich an großartigen Ideen und Lösungen aus dem ganzen Land mitnehmen kann. Denn, das kann ich nach mittlerweile 16 „Ortszeiten“ mit großer Sicherheit sagen: Wir sind und bleiben ein Land der Ideen! Viele Menschen entwickeln an vielen Orten wunderbare Lösungen, mit Hilfe derer man das Zusammenleben besser machen kann: ob in Kommunen oder Vereinen, in kleinen Start-ups oder bei großen Hidden Champions, ob in Hochschulen oder Jugendhäusern, Sportvereinen oder Theatern.
Wenn ich all das sehe, was Menschen landauf, landab auf die Beine stellen, dann denke ich, wir haben Grund zu großem Selbstvertrauen, auch ein bisschen zu Stolz, in unserer Gesellschaft. Uns scheint nur dieses Bewusstsein manchmal ein wenig aus dem Blick zu geraten, weil wir zu sehr nur auf die Probleme starren. Immer auf das, was noch fehlt, und zu selten auf das, was wir schon zusammen geschafft haben und mit großer Sicherheit auch weiter zusammen schaffen werden. Deshalb will ich Sie ermutigen: Wechseln Sie ab und zu mal die Perspektive! Schauen Sie mal auf das, was klappt, was neu ist, wo etwas vorangeht! Das tut gut!
Neuruppin ist in dieser Hinsicht ein guter Ort für einen Perspektivwechsel. Und damit meine ich nicht nur die Schönheit der Stadt und die malerische Lage, um die jeder zu beneiden ist, der hier lebt. Überall in Neuruppin haben die Menschen mich freundlich empfangen. Sie haben mir in vielen Begegnungen und Gesprächen gezeigt und berichtet, was ihre Stadt bewegt, an welchen Stellen sie sich entwickelt und wo sie Wege sucht, um mit Herausforderungen umzugehen.
Haltung, Kreativität, Gemeinsinn und Offenheit – das hat mich von meinem ersten Tag an hier beeindruckt. Berührt war ich vom Besuch der Gedenkstele für Emil Wendland im Rosengarten: Ich bin froh und dankbar, dass Bürgerinnen und Bürger sich voller Mut in Initiativen gegen Menschenhass und Extremismus zusammenschließen. Wir dürfen nicht zulassen, dass in unserer Demokratie aus Angst geschwiegen wird oder dass Menschen sich aus Sorge vor Anfeindungen zurückziehen.
Gewalt darf es weder in der Öffentlichkeit noch im häuslichen Bereich geben. Deshalb ist es gut, dass es hier in Neuruppin ein Frauenhaus mit so engagierten Mitarbeiterinnen gibt, die ich heute Morgen gesehen und gesprochen habe. Wie man Frauen und Kinder noch besser schützen kann, das haben wir dann später im Amtsgericht diskutiert, mit vielen Experten, Richtern, Sozialarbeiterinnen, dem Jugendamt, Rechtsanwältinnen. Und ich hoffe, dass gefährdete Frauen künftig besser geschützt werden können, als das bisher der Fall ist – mit neuer Gesetzgebung, die jetzt angekündigt ist, auch mit der elektronischen Aufenthaltsüberwachung von Gewalttätern.
Eine Herausforderung, der man hier in Neuruppin klug begegnet, ist der Mangel an Medizinerinnen und Medizinern auf dem Land. Bei einem Besuch der Hochschule und des Klinikums haben mir vorhin erst Studierende und Mitarbeiter der Klinik berichtet, wie im ländlichen Raum die Medizin der Zukunft aussehen kann.
Dass Neuruppin ein Ort ist, an dem nicht nur der märkische Himmel, sondern auch Kunst und Kultur den Horizont weiten, das habe ich im Kunstraum mit seinem vielfältigen Programm gesehen, aber auch an dem wunderschönen Abend im Tempelgarten, bei der Lesung der Fontane-Preisträgerin Lisa Kränzler. Und, auch das will ich nicht vergessen: Beim Besuch des Kanuvereins Neuruppin wurde ich nicht nur Zeuge von großer Begeisterung für den Wassersport. Beim Paddeln im Drachenboot über den Ruppiner See konnte man spüren, habe ich gespürt, wie viel Freude Gemeinschaft und Ehrenamt machen! Die Rolle des Ehrenamtes für unsere Gesellschaft können wir gar nicht überschätzen. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, die Ortsgruppe des Technischen Hilfswerks zu besuchen. Das THW wurde vor 75 Jahren gegründet und ist heute ein unverzichtbarer Baustein im Katastrophenschutz – getragen von Menschen, Ehrenamtler, die bereit sind, da zu sein, oft dann, wenn andere sich lieber abwenden würden. Dafür gebührt ihnen unser aller Respekt.
Bei der „Ortszeit“ gehört es dazu, dass Probleme und Kontroversen offen angesprochen werden. Dafür treffen wir uns traditionell an einer Kaffeetafel und nehmen uns ein Thema vor, das wir vorher ein wenig miteinander abstimmen. Und das sind oft nicht die einfachsten Themen. Nur, wenn wir uns offen miteinander austauschen und unterschiedliche Meinungen aushalten – auch das muss sein – können wir als Gesellschaft miteinander wachsen, aneinander wachsen, und uns weiterentwickeln.
An unserer Kaffeetafel haben wir gestern über 35 Jahre Deutsche Einheit gesprochen. Wo kommen wir her? Wo stehen wir heute nach 35 Jahren? Und was ist noch zu tun? Und ich plädiere sehr dafür, dass wir bei all dem, was noch zu tun ist, gelegentlich auch darauf schauen, was uns gelungen ist. Dass Bürgerinnen und Bürger, auch dieser Stadt, auch in Neuruppin, mit Selbstbewusstsein und Stolz auf ihre Stadt blicken können.
Ich bin froh, dass ich auch hier in Neuruppin das sehen konnte, was ich bei jeder einzelnen der vorangegangenen 15 „Ortszeiten“ hören und sehen konnte: Es ist nicht alles gut, aber vieles ist viel besser, als wir uns manchmal bewusst machen. Und wo es besser werden muss, da findet man Menschen, die dafür Ideen haben, die Initiative ergreifen, die Mut machen und mitmachen!
Die Kraft unseres Landes liegt in seinen Menschen. In denen, die nicht nur fordern und schimpfen, sondern die machen! In denen, die nicht fragen, was jemand für sie tut, sondern was sie selbst zum gemeinsamen Ganzen beitragen können.
Das bringt mich direkt zu dem eigentlichen Anlass dieser kleinen Zeremonie zurück – und das sind Sie, die vielen Mutmacherinnen und Mutmacher aus Brandenburg, die ich nun für ihr Engagement auszeichnen darf. Sie alle haben sich in den unterschiedlichsten Bereichen um unser Land verdient gemacht. Ich freue mich, nun den Verdienstordern der Bundesrepublik Deutschland an Sie zu verleihen! Herzlichen Glückwunsch! «
Quelle: Bulletin 55-1 des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 8. Juli 2025