Veröffentlicht am: 21.09.2025 um 18:41 Uhr:

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Bundesregierung: Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier bei einem Empfang für Gastwissenschaftler der Alexander von Humboldt-Stiftung

Bei einem Empfang für Gastwissenschaftler der Alexander von Humboldt-Stiftung am 26. Juni 2025 hat Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier nachfolgende Rede in Berlin gehalten

» „Nur der Irrtum braucht die Stütze der Staatsgewalt. Die Wahrheit steht von alleine aufrecht.“ – „Truth can stand by itself.“ Welch wuchtiger Satz! Welches Vertrauen hatte Thomas Jefferson, der dritte Präsident der Vereinigten Staaten, in die Kraft von Vernunft und Wahrhaftigkeit. Alexander von Humboldt begegnete ihm Anfang des 19. Jahrhunderts, als er mehrere Wochen die damals noch sehr jungen USA bereiste. Er erlebte Jefferson als einen Geistesverwandten, mit dem er nicht nur die Grundgedanken der Aufklärung teilte, sondern auch ein tiefes Interesse an den Naturwissenschaften. Für Humboldt verkörperten die damaligen USA ein Freiheitsideal – sowohl in den großen politischen Fragen wie auch, was den Fortschritt der Wissenschaft anging.

Heute dagegen sehen wir, dass es vielerorts, nahezu auf allen Kontinenten, um das Erbe der Aufklärung und um die Prinzipien politischer und wissenschaftlicher Freiheit leider nicht zum Besten steht – mit weitreichenden Folgen. Wo Universitäten und Forschungseinrichtungen gegängelt, wo willkürlich Projektmittel entzogen und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler drangsaliert und aus dem Beruf gedrängt werden, da leiden auch der Rechtsstaat und die Demokratie.

Für autokratisch geführte Staaten ist das keine neue Erkenntnis. Aber auch in vielen liberalen Demokratien beobachten wir, dass Argumente, die auf Fakten basieren, zunehmend in den Hintergrund rücken oder gerückt werden. Stattdessen werden immer öfter anekdotische Evidenz und sogenannte gefühlte Wahrheiten herangezogen, um politische Entscheidungen zu begründen oder sie zumindest öffentlich zu rechtfertigen. Es droht geradezu ein „Wahrheitsverfall“, bei dem die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion immer stärker verschwimmen. Das schadet dem Vertrauen in politische Institutionen und treibt Gesellschaften auseinander, es polarisiert – und das, wo doch gerade die Demokratie so dringend darauf angewiesen ist, dass die Menschen vernünftig über Politik und gesellschaftliche Streitfragen diskutieren. Wo die Wahrheit einen schweren Stand hat, geraten die Grundfesten freiheitlicher Ordnungen ins Wanken. So sagen es auch die mehr als 400 Nobelpreisträger, Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler in einem Aufruf, der vor wenigen Tagen im „Guardian“ veröffentlicht wurde.

Und es ist tragisch, dass wir gerade in einer der ältesten Demokratien der Welt und zugleich einem Leuchtturm der Freiheit, den USA, Risse im Fundament der Demokratie und der Wissenschaftsfreiheit sehen. Die Freiheit der Wissenschaften wird missachtet, das Universitätssystem, das zu den besten der Welt zählt, aus populistischem Machtkalkül beschädigt. Und ich bin mir sicher: Thomas Jefferson würde das Herz bluten. Was jenseits des Atlantiks gerade passiert, ist eine deutliche Warnung: Die Wahrheit – im Sinne wissenschaftlicher Erkenntnis und politischer Aufrichtigkeit – braucht mehr denn je unser aller Unterstützung, aus der Gesellschaft heraus, aus der Politik heraus, aus der Wissenschaft selbst heraus.

Ich halte es deshalb für sehr wichtig, dass sich Anfang Juni die Wissenschaftsakademien der G7-Staaten mit der „Ottawa Declaration“ für Wissenschaftsfreiheit in die Debatte eingebracht haben. Sie betonen darin zu Recht, dass „die Integrität der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Beratungssysteme […] entscheidende Elemente freier und demokratischer Gesellschaften sind“. Um sie zu schützen, um sie zu verteidigen, braucht es starke Netzwerke über Grenzen hinweg.

Als Stipendiatinnen und Stipendiaten, Preisträgerinnen und Preisträger der Alexander-von-Humboldt-Stiftung sind Sie Teil eines solchen Netzwerks. Und dafür danke ich Ihnen. Ich danke Ihnen, weil Sie für die internationale Verbundenheit stehen – eine Verbundenheit, die notwendig ist, um den besorgniserregenden Tendenzen entgegenzuwirken, die ich angesprochen habe, als Spitzenforscherinnen und Spitzenforscher, gemeinsam mit 30.000 Kolleginnen und Kollegen aus allen Fachgebieten und aus über 140 Nationen.

Ich danke Ihnen aber auch dafür, wie Sie mit Ihrer Arbeit dazu beitragen, dass Deutschland ein ideenreicher und erfolgreicher Wissenschaftsstandort bleibt – eng und freundschaftlich verbunden mit Forschenden und Lehrenden aus aller Welt, so wie Alexander von Humboldt es damals weit über Jefferson und die Scientific Community in den USA hinaus vorgelebt hat. Meine Bitte an Sie lautet: Bleiben Sie dem Netzwerk der Alexander-von-Humboldt-Stiftung verbunden! Helfen Sie der Stiftung, ihre erfolgreiche und wichtige Arbeit für die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit weiterzuführen! Denn auch wenn Wissenschaft kompetitiv ist, lebt sie letztlich von Austausch und Kooperation.

Sie alle wissen: Die Menschheit steht vor großen Herausforderungen, die wir am Ende nur dann bewältigen können, wenn wir unser Wissen und unsere Fähigkeiten bündeln und uns über mögliche Lösungen austauschen und gemeinsam an solchen Lösungen arbeiten. Sei es bei den immer bedrohlicheren Folgen des anhaltenden Klimawandels. Sei es im Kampf gegen künftige Pandemien. Sei es bei der Suche nach Möglichkeiten, die knapper werdenden Ressourcen unserer globalen Ökosysteme nachhaltiger zu nutzen und tragfähige Alternativen zu ihrer Nutzung zu entwickeln. Sei es beim Versuch, den Welthunger und die globale Armut zu besiegen und für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Sei es beim Kampf gegen seltene oder tödliche Krankheiten.

Natürlich sind aber auch die vielen kleineren Erkenntnisse und Fortschritte wichtig, die täglich unseren Wissenshorizont erweitern und uns mit neuen, spannenden Fragen konfrontieren, die es zu beantworten gilt. Auf welchem Feld Sie auch arbeiten und forschen: Ich hoffe, dass Ihre Arbeit hier in Deutschland für Sie ein Gewinn ist. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie – auch über Ihre wissenschaftliche Tätigkeit hinaus – viele bereichernde Begegnungen haben, die Sie mit auf Ihren weiteren Lebensweg nehmen können und die Sie, gemeinsam mit Ihren Familien, hoffentlich in guter Erinnerung behalten.

Für den Beitrag, den die Alexander-von-Humboldt-Stiftung dazu leistet, bin ich sehr dankbar. Indem Sie dafür sorgen, dass die Spitzenforscherinnen und -forscher hier bei uns gute Lebens- und Arbeitsbedingungen vorfinden, pflegen Sie eine sehr wertvolle Tradition. Sie hat über Generationen hinweg gute Früchte getragen und die Welt der Wissenschaft enger zusammenwachsen lassen.

Ich wünsche Ihnen viele inspirierende Begegnungen und gute Gespräche hier im Park von Schloss Bellevue. Alles Gute für Ihre Zukunft! Bleiben Sie uns verbunden! «


Quelle: Bulletin 54-2 des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 1. Juli 2025

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