Veröffentlicht am: 29.05.2023 um 18:25 Uhr:

Bundesregierung: Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier zur Eröffnung der Ausstellung „Archäologische Schätze aus Usbekistan“

Zur Eröffnung der Ausstellung „Archäologische Schätze aus Usbekistan“ hat Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier am 3. Mai 2023 in Berlin nachfolgende Rede gehalten...

» „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ Mit diesen berühmten Sätzen beginnt jenes große Romanwerk, das seinen Autor, Thomas Mann, und uns, seine Leser, um Jahrtausende zurückversetzt. Zurück in eine mythische Zeit, in eine Zeit der Ursprünge und der Anfänge: von Kultur, von Religion und von Staat.

Obwohl so weit in der Vergangenheit und so tief im Alten Orient spielend, war dieser große Roman „Joseph und seine Brüder“ auch als ein Spiegel der Gegenwart gedacht – und immer noch kann er eine Ahnung davon geben, wo alles seinen Ursprung hat, woher das kommt, was Menschen seit jeher bewegt, also auch uns heute noch: Glaube und Zweifel, Liebe und Hass, Krieg und Frieden, Versöhnung und Streit, Gelingen und Scheitern.

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit: Auch diese Ausstellung, die ich heute mit eröffnen darf, führt uns mehr als zwei Jahrtausende zurück, in einen fernen Orient – und auch sie konfrontiert uns mit Ursprüngen und Anfängen und mit Grundfragen der menschlichen Existenz.

„Von Alexander dem Großen bis zum Reich der Kuschan“ – wahrscheinlich wird es den meisten Besuchern dieser Ausstellung so gehen wie mir – dass sie zwar von Alexander dem Großen schon gehört haben, von seinen Eroberungszügen, seinem militärischen Genie und seinem frühen Tod, vielleicht auch von den kulturellen Folgen seiner Eroberungen; dass sie aber vom Reich der Kuschan noch nie gehört haben und daher auch gar nicht wissen, über welche großen kulturellen Schätze Usbekistan aus seiner Vergangenheit verfügt. Ich bin mir ganz sicher: diese Unkenntnis, dieses Unwissen, diese Wissenslücken, das alles wird sich verändern durch diese Ausstellung. Und nachdem ich gerade einen ersten Einblick nehmen durfte, vermute ich, dass die Besucherinnen und Besucher das Reich der Kuschan auch nicht mehr vergessen werden – so beeindruckend sind die hier gezeigten kulturellen Zeugnisse.

Ich beglückwünsche die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Staatlichen Museen zu Berlin zu dieser wirklich ganz herausragenden Ausstellung. Wir lernen nicht nur, wie tief die Verbindungen zwischen den Kulturen schon vor Tausenden von Jahren waren, wie zum Beispiel Hellenismus und Buddhismus, ja wie Orient und Okzident auf dem Gebiet des heutigen Usbekistan in Verbindung kamen und blieben. In dieser Ausstellung über die großen alten Kulturen zeigt sich auch eine sehr aktuelle Erkenntnis: Jede Kultur ist eine Mischung aus verschiedensten Herkünften und Einflüssen, aus eigenen Ideen und Eingebungen – jede Kultur steht in einem ständigen Prozess der Auseinandersetzung, der Aneignung oder Abgrenzung. Reinheit ist keine kulturelle Kategorie. Es gibt keine kulturelle Identität ohne Mischung der verschiedensten Elemente. Diese Ausstellung zeigt es in einem Maße wie kaum eine andere.

Ich freue mich, dass es eine so großartige Zusammenarbeit zwischen deutschen und usbekischen Museen gegeben hat. Ohne diese, wie ich gehört habe, von Vertrauen, Einfühlung und partnerschaftlichem Geist geprägte Kooperation hätte es diese Ausstellung nicht geben können.

Ich bin sicher: Die archäologischen Schätze, die hier zu sehen sind, werden jeden Besucher, jede Besucherin staunen lassen – staunen über ein Land und seine Geschichte, über das sie bisher wenig wussten. Und damit verbinde ich die Hoffnung, dass diese Ausstellung hier in Deutschland neues Interesse, neue Lust und neue Aufmerksamkeit für Usbekistan erwecken wird. Das wäre in meinen Augen nicht nur kulturell eine gute Nachricht, sondern auch eine gute Nachricht für die Politik.

Denn an engeren Beziehungen zu Ihrem Land und Ihrer Region, Herr Präsident, hat mein Land ein genuines strategisches Interesse – ich habe das so gesehen, als ich mich vor fast zwanzig Jahren, damals als deutscher Außenminister, intensiv mit Zentralasien zu beschäftigen begann und die Länder bereiste, manche davon – wie Usbekistan – mehrfach. Und ich sehe das heute noch umso mehr, seit Russland mit seinem brutalen, rechtswidrigen Angriffskrieg die Sicherheitsordnung unseres Kontinents in Trümmer gelegt hat.

Wir alle wissen: Friedliches Zusammenleben braucht Recht und Regeln. Und wir wissen, dass wir gerade in diesen kriegerischen Zeiten verstärkt aufeinander angewiesen sind. Deshalb ist es gut und wichtig, dass so viele in der internationalen Gemeinschaft Position beziehen und eine überwältigende Mehrheit der Staaten den russischen Angriff verurteilt hat. Auch die von der EU erlassenen Sanktionen gegen Russland sind ein Teil dieser entschlossenen Antwort, und Russland darf keine Möglichkeit haben, diese Sanktionen zu umgehen. Und wir zählen auf eine klare und eindeutige Haltung Usbekistans.

Herr Präsident, ich bin überzeugt: Ihr Land, Ihre Region sollte im Angesicht Ihrer großen Nachbarn, Russland und China, noch viel mehr in unserem deutschen und europäischen Blick sein und stärkere Aufmerksamkeit genießen. Wenn das geschieht, dann liegt darin für uns alle eine große Chance: eine Chance zur Diversifizierung unserer politischen, wirtschaftlichen und auch energiepolitischen Beziehungen – und es wäre zugleich ein klares Zeichen an Sie und die anderen Staaten Zentralasiens: Wir sind da! Wir wollen Partnerschaft – und Sie, Usbekistan nicht allein lassen mit Ihren manchmal schwierigen Nachbarn.

Ich bin froh darüber, verehrter Herr Präsident, dass unsere bilateralen Beziehungen in den vergangenen Jahren wahrlich immer enger geworden sind und inzwischen wirklich von wachsendem gegenseitigem Vertrauen geprägt sind. An meinen eigenen Besuch in Usbekistan im Mai 2019 und an Ihre großzügige Gastfreundschaft denke ich gerne zurück. Ich denke an Besuche in Taschkent, Buchara, Samarkand und Chiva und an echte Überraschungen wie das Treffen mit wunderbar Deutsch sprechenden Schülerinnen und Schülern in Urgench.

Ich glaube, die Zusammenarbeit unserer beiden Länder hat die Kraft, auch die Beziehungen zwischen Europa und Zentralasien zu verstärken. Das betrifft zum einen den gemeinsamen Kampf gegen den Klimawandel: Mit der Initiative „Green Central Asia“ hat Deutschland einen besonderen Fokus auf Zentralasien gelegt, und Deutschland und Usbekistan können gerade bei so wichtigen Themen wie Wassergewinnung und Wasserverteilung intensiv zusammenarbeiten. Im Bereich der erneuerbaren Energien könnten deutsche Firmen Usbekistan mit moderner Technik unterstützen. Und gleichzeitig könnte Usbekistan eine wichtige Rolle etwa bei der Produktion von grünem Wasserstoff spielen.

Zum anderen kann es eine intensivere Zusammenarbeit beim Thema Frauen- und Menschenrechte geben. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass wir die Reformprozesse, die namentlich von Ihnen, Herr Staatspräsident Mirsijojew angestoßen worden sind, außerordentlich begrüßen. Eine starke, lebendige, freiheitliche Zivilgesellschaft ist ein wichtiger Grundpfeiler für das gedeihliche Zusammenleben aller in einem Gemeinwesen. Lassen Sie uns auch zu diesen Themen intensiv im Austausch bleiben.

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit – so habe ich begonnen, und so lehrt uns diese Ausstellung, die wir eröffnen. Aber weit, weit ist das Feld der Zukunft. Und herausfordernd ist der Weg, den wir miteinander in diese Zukunft gehen. Je stärker wir uns gemeinsam auf den Weg machen, je besser wir uns gegenseitig mit unseren jeweiligen Erfahrungen und Möglichkeiten ermutigen und stärken und unterstützen, umso erfolgreicher wird uns dieser Weg in die Zukunft gelingen.

Ich bin sehr froh, dass wir diese Gelegenheit heute nutzen, um uns dieser gemeinsamen Aufgabe wieder neu bewusst zu werden, und vor allen Dingen, um sie gemeinsam anzupacken. «


Quelle: Bulletin 51-1 des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 11. Mai 2023
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