Veröffentlicht am: 01.09.2025 um 12:45 Uhr:

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Bundesregierung: Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung des Deutschen Nationentages der Expo 2025 in Osaka

Bei der Eröffnung des Deutschen Nationentages der Expo 2025 in Osaka hat Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier am 20. Juni 2025 nachfolgende Rede in Osaka gehalten

» Es ist mir eine große Freude, heute hier auf Yumeshima, der „Trauminsel“, zu sein und gemeinsam mit Ihnen den deutschen Nationentag der Expo 2025 zu feiern und von der Zukunft zu träumen. Als wir gerade die deutsche Nationalhymne hörten, dachte ich an die Eröffnungszeremonie dieser Weltausstellung, als Beethovens „Ode an die Freude“ erklang – ein Werk eines deutschen Komponisten, mit dem Text eines deutschen Dichters, Friedrich Schiller, gesungen auf Deutsch von 10.000 Japanerinnen und Japanern. Ich muss gestehen, das war ein wahrer Gänsehautmoment.

Wir leben 9.000 Kilometer voneinander entfernt und sind uns doch ganz offensichtlich so nah! Vieles fasziniert uns an Japan, nicht zuletzt die Haltung der Menschen hier zum Leben und Zusammenleben. Als ich gerade mit einer traditionellen japanischen Teezeremonie hier empfangen wurde, habe ich noch einmal gespürt, wie tief verwurzelt die Werte von Respekt und Harmonie in der japanischen Kultur sind – etwas, das uns neugierig macht, was uns anzieht. Und mit meinem inzwischen vierten Besuch als Bundespräsident, meinem achten Besuch insgesamt in Japan, will ich zugleich deutlich sagen: Ihr seid uns wichtig! Nehmen wir unsere Freundschaft nicht als selbstverständlich hin, pflegen wir sie auf allen Ebenen – von Politik, Wirtschaft, Kultur, Akademien und in den Beziehungen von Mensch zu Mensch!

Es war im Jahr 1970, als Osaka Expo-Geschichte schrieb als Gastgeber der ersten Weltausstellung in Asien überhaupt. Ich habe gehört, dass vielen älteren Japanerinnen und Japanern der deutsche Beitrag noch in Erinnerung ist: das bahnbrechend moderne Musikstück „Expo“ des Komponisten Karlheinz Stockhausen, das in die Musikgeschichte eingegangen ist – ein akustisches Ausstellungsstück, das damals Überraschung ausgelöst hat, bei manchen auch Irritation, das Diskussionen ausgelöst hat und darüber Menschen zusammengeführt hat. Und das ist das Ziel der Weltausstellungen seit der allerersten Expo 1851 in London: Sie sollen die Welt zusammenbringen, Länder, Kulturen, Ideen. Sie waren und sind Schauplatz der Verständigung und zugleich Schaufenster des Fortschritts. Und sie laden dazu ein, gemeinsam Antworten zu suchen auf die großen Fragen ihrer Zeit. Dabei geht es immer um mehr als Technik. Es geht um die Zukunft unseres Zusammenlebens und um die Überzeugung, dass wir diese Zukunft nur gemeinsam gestalten können: durch Austausch, durch Neugier, durch Zusammenarbeit.

Hannover war im Jahr der Expo 2000 mein Heimatort. Ich durfte erfahren, dass Weltausstellungen etwas auslösen, dass sie Besucher faszinieren, aber auch den Ort der Veranstaltung neu prägen. Diese Idee macht die Weltausstellungen bis heute besonders – und so aktuell. 55 Jahre nach der Expo 1970 stellt Osaka heute erneut eine große Zukunftsfrage: „Designing Future Society for Our Lives“. Wie wollen wir leben in einer Welt, die sich rasant verändert? Wie sichern wir Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Teilhabe für alle? Diese Weltausstellung will nicht nur zeigen, was möglich ist. Sie will zum Nachdenken anregen – über unseren Umgang mit Ressourcen, über Nachhaltigkeit, über Gesundheit und Innovation, über den Zusammenhalt in unseren Gesellschaften und unser Verhältnis zur Natur.

Und diese Weltausstellung will es nicht beim Nachdenken belassen. In den Themenpavillons geht es um konkrete Lösungen – von grüner Architektur bis zu intelligenter Energieverteilung. Aber es geht auch um einen Perspektivwechsel, darum, voneinander zu lernen – über Grenzen hinweg, über Generationen hinweg. Deutschland bringt sich in diese globale Ideenwerkstatt mit dem Thema Kreislaufwirtschaft ein, denn wir sind überzeugt: Je klüger wir Ressourcen nutzen, desto besser für unseren Planeten und für uns alle, vor allem für künftige Generationen, für unsere Kinder und Enkel. Und gleichzeitig reduziert der Ressourcenkreislauf die Abhängigkeit der rohstoffarmen Staaten von den rohstoffreichen Förderregionen. Auch das macht die Suche nach Lösungen dringlich!

Und mir fiele dafür kaum ein besserer Ort ein als dieser hier. Hier in Japan gilt die Philosophie des „Mottainai“, die Wertschätzung für Dinge und damit verbunden die Vermeidung von Verschwendung. Und auch die japanische Kunst des „Kintsugi“ zeigt uns, wie Dinge, die zerbrochen sind, mit Gold repariert noch wertvoller werden können. Beides inspiriert uns auch in Deutschland. Und beides motiviert uns, an Lösungen – mit anderen – zu arbeiten.

Passend dazu trägt unser Pavillon den Titel „Wa! Deutschland“. „Wa“ steht im Japanischen für Harmonie, für Kreis. Aber es steht auch für ein erstauntes „Wow!“ – wie ich finde, ein angemessener Ausdruck für das, was wir hier gemeinsam erleben. Auf dieser Weltausstellung wird Zukunft greifbar. Sie verändert den Ort, an dem sie stattfindet, aber sie zeigt auch gleichzeitig der Welt, welche Veränderungen möglich und sogar notwendig sind für die Gesellschaft der Zukunft.

Japan macht Lust auf Zukunft! Diese Expo entwirft eine Vision, wie wir uns aus den Bedrängnissen der Gegenwart befreien können und den Menschen Hoffnung auf Zukunft machen können. Mut zur Zukunft, nichts brauchen wir dringender als das!

Was uns mit Japan verbindet, ist nicht nur wirtschaftliche Zusammenarbeit oder wissenschaftlicher Austausch. Es ist das geteilte Vertrauen in die Kraft der Demokratie. Es ist der Wille, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Und es ist das Bewusstsein, dass offene Gesellschaften auch selbstkritisch sein müssen, um aus Fehlern zu lernen und besser zu werden. Gerade das macht uns stark gegenüber Autokratien, die Fehler nicht kennen, vermeintlich unbequeme wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren, kontroverse Diskussionen unterdrücken. So ist Zukunft nicht zu gewinnen!

Verteidigen wir also die Demokratie gegen Bedrohungen von außen und von innen. Stellen wir uns den verantwortungslosen Vereinfachern und Polarisierern entgegen. Schützen wir eine internationale Ordnung, die sich auf gemeinsame Regeln stützt. Lassen wir nicht zu, dass die Stärke des Rechts wieder dem Recht des Stärkeren weichen muss.

Lassen Sie mich zum Abschluss noch einmal auf Beethovens „Ode an die Freude“ zurückkommen. Sie ist weit mehr als ein bedeutendes Stück deutschen Kulturguts. Sie ist heute die Hymne des vereinten Europas – ein Symbol für Einheit, Frieden, Hoffnung. Möge dieser Geist uns alle inspirieren, gemeinsam an einer besseren Zukunft zu arbeiten – für unsere Länder, für Europa, für die Welt.

Vielen Dank und herzlichen Dank für die Einladung zum Nationentag Deutschlands! «


Quelle: Bulletin 49-2 des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 24. Juni 2025

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