Veröffentlicht am: 21.09.2025 um 06:39 Uhr:

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Bundesregierung: Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier bei der Informations- und Begegnungsreise mit dem Diplomatischen Korps

Bei der Informations- und Begegnungsreise mit dem Diplomatischen Korps hat Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier am 24. Juni 2025 in Schwinkendorf folgende Rede gehalten

» Es sind alles andere als einfache Zeiten in der internationalen Politik, in denen wir heute zu unserer jährlichen diplomatischen Begegnungsreise zusammenkommen. Kriege, Konflikte, wachsende geopolitische Spannungen machen uns Sorgen – Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, der auch im dritten Jahr noch kein Ende findet, und ganz aktuell natürlich auch die militärischen Auseinandersetzungen im Mittleren Osten in den vergangenen Tagen.

Lassen Sie mich deshalb gleich zu Beginn unterstreichen, was auch der Bundeskanzler und Vertreter der Bundesregierung in den letzten Tagen gesagt haben: Wir hoffen und setzen darauf, dass nicht nur die erfreulicherweise jetzt vereinbarte Waffenpause hält, sondern dass der Iran jetzt an den Verhandlungstisch zurückkehrt und dass eine politische Einigung gefunden wird, die eine atomare Bewaffnung des Iran dauerhaft und nachprüfbar ausschließt. Ich weiß aus eigener Erfahrung: Verhandlungslösungen sind möglich. Und sie sind am Ende um vieles besser als ein großer, lang dauernder Krieg im Mittleren Osten, dessen Folgen unabsehbar wären.

Trotz dieser bedrohlichen internationalen Lage sind Sie meiner heutigen Einladung gefolgt. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse an Mecklenburg-Vorpommern. Und ich sage Ihnen voraus: Es wird im Laufe des Tages reichlich belohnt werden, denn wenn ein Bundesland gleich zwei Namen trägt, dann ahnt man schon: Hier kommt einiges zusammen.

Und so ist es auch in Mecklenburg-Vorpommern: viel Fläche, aber vor allem sehr viel Geschichte und viele Geschichten – berührende, inspirierende, manchmal leise, manchmal stolze. Ein paar davon werden wir heute hören. Und Sie alle werden mit großer Wahrscheinlichkeit am Ende dieses Tages feststellen: Hier in MV – wie es die Einheimischen schnörkellos abkürzen – gehen Pragmatismus und Präzision, Werkbank und Welterbe, gehen Industrie und Idylle ganz selbstverständlich Hand in Hand.

Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin, vielen Dank für die Einladung – und Ihnen allen, Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren, noch einmal: herzlich willkommen in Mecklenburg-Vorpommern!

Ich freue mich, dass wir heute die Gelegenheit haben, dieses besondere Land besser kennenzulernen und damit auch die Menschen, die es geprägt haben, und die, die es jetzt weiter gestalten, denn die Geschichten, die hier geschrieben werden, die sind im besten Sinne des Wortes zukunftsweisend. Vorreiter bei Strom aus erneuerbaren Energien ist natürlich Mecklenburg-Vorpommern. Die meisten Start-up-Gründerinnen Deutschlands gibt’s in Mecklenburg-Vorpommern. International führende, interdisziplinäre Pandemieforschung hat hier in Mecklenburg-Vorpommern ihr Zuhause. Mecklenburg-Vorpommern, das ist eben nicht nur das Land der Windräder, es ist das Land der Leuchttürme – und das auch im übertragenen Sinn: in Forschung, Kultur und auch in der Industrie.

Einen dieser Leuchttürme haben Sie heute schon kennengelernt bei der MMG, der Mecklenburger Metallguss GmbH. Wir alle haben gesehen, wie die hiesige Industrie arbeitet: nicht nur hochpräzise – das erwarten Sie von deutscher Arbeit und deutschen Produkten –, sondern auch weltweit vernetzt – 95 Prozent der Produkte gehen in den Export – und trotzdem tief verwurzelt in der Region.

Und nun sitzen wir im Schloss Ulrichshusen, einem wahren Renaissancejuwel und heutigem Spielort der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Dass hier in einer alten Gutshausscheune große Künstler aus aller Welt auftreten, das ist wunderbar und gleichzeitig auch typisch für dieses Land. Es ist deshalb auch kein Zufall, dass hier in MV nicht nur eines der größten klassischen Musikfestivals Deutschlands zu Hause ist, sondern gleich noch ein zweites: das Usedomer Musikfestival, das den gesamten Ostseeraum verbindet.

Sie merken es schon, Mecklenburg-Vorpommern ist ein Ort, an dem wirklich vieles zusammenkommt: Transformation, Kultur, Heimatliebe und Weltoffenheit. Viele denken bei MV natürlich zu allererst an eines der beliebtesten Urlaubsziele der Deutschen, die Ostsee – und nicht ganz zu Unrecht. Die Ostsee spielte und spielt für die Menschen hier im Land eine große Rolle, zum einen natürlich wegen der Wirtschaft und der Bedeutung des Tourismus für die Wirtschaft. Aber es ist auch eine ganz eigene, vielleicht sogar emotionale Verbundenheit zum Wasser und – bei aller Bescheidenheit, die die Menschen hier auszeichnet – auch Stolz auf die Küste und die Tausenden Seen. Wer in Mecklenburg-Vorpommern über Meer und Seen spricht, der spricht nicht nur über Natur, sondern auch über Geschichte, über Zukunft, sogar über Identität.

Ich freue mich sehr darauf, dass wir uns davon heute Nachmittag selbst ein Bild machen können auf unserer Fahrt durch den Rostocker Hafen nach Warnemünde. Die Geschichte des Hafens, des heute größten deutschen Hafens an der Ostsee, und der alten Hansestadt Rostock reicht viele Jahrhunderte zurück. Bereits im 13. Jahrhundert wurde Rostock Mitglied der Hanse – einem Bündnis, das auf gegenseitigem Vertrauen beruhte und Handelswege durch gemeinsame Regeln schützte. Für uns Deutsche, und das gilt ebenso für unsere engsten Partner in der Europäischen Union, war und ist der Freihandel ein Schlüssel zu Wachstum und Wohlstand. Auch wenn das heute keine Selbstverständlichkeit mehr zu sein scheint und die Angriffe auf unsere regelbasierte Ordnung uns inzwischen häufiger aus ungewohnter Richtung treffen, umso entschlossener sage ich: Deutschland bleibt weltoffen! Wir setzen auf Vernetzung statt Abschottung, wir setzen auf Freihandel statt Protektionismus, auf mehr statt weniger Zusammenarbeit.

Und wir laden Sie alle ein, alte und neue Partner: Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, unsere wirtschaftlichen Beziehungen zu vertiefen, Zölle und Protektionismus abzustreifen und mehr Wohlstand für alle zu schaffen. Vielleicht entstehen bereits heute Abend, beim Blick auf die Weite der Ostsee, vielleicht entstehen auch hier in diesem Kreis neue Gedanken für neue Partnerschaften. Ich bin jedenfalls froh und stolz, Ihnen heute das wohl schönste Schiff der deutschen Marine, ihr Segelschulschiff, die „Gorch Fock“ in ihrem ganzen Glanz präsentieren zu können.

Wenn Sie dann Ihren Blick über das Wasser schweifen lassen, werden Sie vielleicht Frachtschiffe sehen, Forschungsschiffe auch, Touristendampfer ganz sicher – und auch Nato-Einheiten. Warnemünde ist seit vergangenem Jahr Sitz der Commander Task Force Baltic der Nato. Mecklenburg-Vorpommern liegt also nicht irgendwo am Rand von Deutschland, es liegt im Zentrum europäischer Verantwortung. Die Ostsee ist heute – leider, füge ich hinzu – nicht nur Ort von Handel, Vernetzung und Partnerschaft, sondern auch Schauplatz geopolitischer Spannungen, mit denen wir umgehen müssen. Nicht wir, die Bündnispartner, nicht wir, die EU-Staaten, haben diese Situation herbeigeführt, sondern Russland hat mit dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine die europäische Sicherheitsordnung in Trümmer gelegt und agiert auch hier in der Ostsee immer aggressiver. Davor müssen wir uns schützen. Und dafür machen wir uns militärisch stark. Ich danke unseren Soldatinnen und Soldaten, die hier in der Ostsee, insbesondere in der neu eingerichteten Nato-Operation „Baltic Sentry“, ihren Dienst tun. Und ich danke allen Verbündeten und Partnern, die Sie heute hier sind und die mit uns die Ukraine verteidigen und für ein freies und sicheres Europa einstehen.

Nicht nur die Seefahrer und Küstenbewohner, sondern die Menschen in ganz Mecklenburg-Vorpommern sind verbunden mit der Welt – und die Welt mit ihnen. Der große Archäologe und geschickte Kaufmann Heinrich Schliemann zum Beispiel, den viele von Ihnen als Entdecker des historischen Troja kennen, kam aus dem kleinen Ankershagen, keine 40 Kilometer von hier entfernt.

„Wenn ich dieses Werk“, so leitet Heinrich Schliemann sein Buch „Ilios“ ein, „mit einer Geschichte des eignen Lebens beginne, so ist es nicht Eitelkeit, […] wohl aber der Wunsch, klar darzulegen, daß die ganze Arbeit meines späteren Lebens durch die Eindrücke meiner frühesten Kindheit bestimmt worden […] ist; wurden doch […] Hacke und Schaufel für die Ausgrabung Trojas und der Königsgräber von Mykene schon in dem kleinen deutschen Dorfe geschmiedet und geschärft, in dem ich acht Jahre meiner ersten Jugend verbrachte.“

Es war vermutlich diese typische Mecklenburger Mischung aus Bodenhaftung und Vision, die Schliemann antrieb. Diese Mischung, die findet man auch heute noch hier – in Menschen, die ihre Heimat nicht verklären, aber verteidigen, die sich neu erfinden, ohne das Alte zu verleugnen, die ruhig sind, aber etwas zu sagen haben und zu erzählen. Denn Mecklenburg-Vorpommern hat in den letzten 35 Jahren seit der Deutschen Einheit enorm viel geleistet. Hier wurden große Veränderungen nicht nur erlebt, sondern hier wurden sie gemacht, hier wurden sie gestaltet: Aus alten Werften wurden neue Werkstätten, aus Agrar-Kombinaten entstanden große, moderne Lebensmittelbetriebe, aus ungenutzten Gutshäusern wurden Orte der Kultur.

Vieles, was sich seitdem verändert hat, sieht man vielleicht nicht auf den ersten Blick. Manches wächst ganz leise – wie die Moore, die hier CO₂ binden. Und manches sticht leuchtend ins Auge – wie die Rapsfelder am Ufer der Seen. Dieses Land hat sich nicht neu erfunden, nein, es hat sich entfaltet und erzählt uns allen eine Geschichte des Gelingens. Von dieser Transformationsleistung der Menschen hier in Mecklenburg-Vorpommern profitiert heute ganz Deutschland. Und deswegen geht einem dieses schöne deutsche Wort „Heimatliebe“ vielleicht nirgendwo so leicht von den Lippen wie hier, in den weiten Landschaften von Mecklenburg-Vorpommern.

Das ist das Wertvolle am Föderalismus: Jedes Bundesland hat seinen eigenen Charakter. Und jedes trägt etwas bei zum großen Deutschlandbild. Mecklenburg-Vorpommern hat heute sicher einen besonders schönen Pinselstrich zu diesem Bild beigetragen, oder besser gesagt: bis hierher sogar schon zwei. Ich danke Ihnen allen für Ihre Neugier auf Deutschland, auf seine Regionen – und heute ganz besonders: auf Mecklenburg-Vorpommern. «


Quelle: Bulletin 54-1 des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 1. Juli 2025

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