Veröffentlicht am: 09.05.2026 um 20:20 Uhr:
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Bücher: Caroline Darian: Und ich werde dich nie wieder Papa nennen
» Es gibt Geschichten, die lassen einen sprachlos zurück – und solche, die man trotz ihrer Grausamkeit lesen sollte, weil sie etwas sichtbar machen, das oft verborgen bleibt. „Und ich werde dich nie wieder Papa nennen“ von Caroline Darian gehört eindeutig dazu.
Im Zentrum steht ein Verbrechen, das weltweit für Entsetzen gesorgt hat: Über Jahre hinweg wurde Gisèle Pelicot von ihrem eigenen Ehemann betäubt, vergewaltigt und anderen Männern gezielt zum Missbrauch ausgeliefert. Die Taten fanden im Verborgenen statt – mitten im scheinbar normalen Familienleben.
Caroline Darian, die Tochter, verarbeitet in ihrem Buch diese erschütternde Realität aus ihrer persönlichen Perspektive. In eindringlicher, tagebuchartiger Form beschreibt sie, wie der Moment der Wahrheit ihr Leben und das ihrer Familie von einer Sekunde auf die andere zerstört. Der Anruf, dass ihr Vater verhaftet wurde, markiert den Beginn eines Absturzes, der alles bisher Gewohnte infrage stellt.
Was dieses Buch so besonders macht, ist seine radikale Ehrlichkeit. Darian schreibt nicht distanziert über ein Verbrechen – sie lebt es auf jeder Seite. Sie schildert ihre Angstzustände, ihre Zweifel und den inneren Konflikt, zugleich Tochter des Täters und Teil der Opferfamilie zu sein. Der geliebte Vater wird zum Täter, zur Bedrohung – ein Bruch, der kaum zu begreifen ist.
Dabei geht es nicht nur um die Aufarbeitung des Geschehenen, sondern auch um die emotionalen Folgen. Das Vertrauen in die eigene Vergangenheit zerbricht, Erinnerungen müssen neu bewertet werden, und selbst die eigene Identität gerät ins Wanken. Darian zeigt, wie tief sich Gewalt nicht nur in den Körper, sondern auch in Familienstrukturen und Beziehungen eingräbt.
Gleichzeitig ist das Buch auch eine bewegende Hommage an ihre Mutter. Gisèle Pelicot wird als eine Frau beschrieben, die trotz unvorstellbaren Leids Würde, Stärke und Lebenswillen bewahrt. Mutter und Tochter kämpfen gemeinsam darum, dass die Schuld nicht länger bei den Opfern liegt, sondern klar benannt wird – bei den Tätern und einem System, das solche Verbrechen ermöglicht.
Neben der persönlichen Geschichte öffnet das Buch auch den Blick auf gesellschaftliche Fragen. Wie konnte ein solches Verbrechen über Jahre hinweg unentdeckt bleiben? Warum wurden Warnzeichen übersehen? Und was sagt das über unseren Umgang mit Gewalt, Macht und Verantwortung aus?
Mit 224 Seiten ist „Und ich werde dich nie wieder Papa nennen“ keine leichte Lektüre – aber eine wichtige. Der Text ist intensiv, oft schwer auszuhalten und zugleich getragen von einem bemerkenswerten Mut.
Dieses Buch ist mehr als ein Bericht über ein Verbrechen. Es ist ein Versuch, das Unsagbare in Worte zu fassen, ein Plädoyer dafür, hinzusehen – und ein Zeugnis dafür, dass selbst in größter Dunkelheit eine Stimme entstehen kann, die gehört werden muss.
HÖRZU-Urteil: großartig! «
Quelle: HÖRZU vom 7. Februar 2025