Veröffentlicht am: 06.06.2022 um 02:10 Uhr:

Bundesregierung: Rede von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier

... bei der Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes am 30. Mai 2022 in Berlin:

» So sehen Sieger aus! Und Siegerinnen natürlich auch! Ich freue mich sehr, dass Sie heute hier sind – und dass Sie so viel Glanz und Edelmetall in unser bescheidenes, brandenburgisches Preußenschloss mitbringen.

Gold, Silber und Bronze tragen Sie heute nicht, aber vorhin, beim Begrüßen, habe ich schon gemerkt, dass Sie alle noch immer sozusagen von innen her leuchten. So einen Olympiasieg, so eine olympische Medaille, das ist etwas – stelle ich mir vor – das dem Leben insgesamt einen Glanz und ein Strahlen schenkt. Dazu gratuliere ich Ihnen und wünsche Ihnen von Herzen: Genießen Sie es – auch die weiteren nächsten Jahre!

Heute bekommen Sie nun noch ein kleines Glanzstück dazu: das Silberne Lorbeerblatt. Manche von Ihnen haben sich vielleicht gefragt: Warum zu der durch eigene sportliche Leistung erworbenen Medaille noch eine staatliche Auszeichnung obendrauf?

Die Antwort ist, finde ich, relativ einfach: Der Sport gehört wie die Kultur zu den wichtigen Möglichkeiten des Menschen, sich selber zu entwickeln, sich zu verwirklichen, etwas aus sich zu machen, sich Ziele zu setzen, mit großen eigenen Anstrengungen, aber auch mit der Unterstützung anderer, etwas zu erreichen. Im Sport wachsen Menschen wie Sie über sich hinaus, stärken ihr Selbstwertgefühl, finden Erfüllung.

Und das gilt nicht nur für die Spitzenleistungen im Leistungssport, sondern für alle, die sich in irgendeiner Weise selber körperlich und mental fordern, sich – mit anderen Worten – etwas abverlangen. Ob alleine oder im Team. So fördert und stärkt der Sport Eigenschaften, die auch für die ganze Gesellschaft förderlich und wichtig sind.

Zum Glück kann der freiheitliche, demokratische Staat weder sportliche Leistungen befehlen, noch sportliche Erfolge anordnen. Darum lehnen wir auch Doping und Manipulation – alles, was die die Würde der Athleten missachtet – entschieden ab. Aber der Staat kann fördern, ermuntern und nicht zuletzt danken. Und eine besondere Art dieser Förderung und dieses Dankes ist das Silberne Lorbeerblatt.

Der moderne Leistungssport weckt Emotionen und schafft Gemeinschaftserlebnisse, die unser Leben insgesamt reicher machen – denn Sie, liebe Sportlerinnen und Sportler, lassen uns mit Ihnen mitfiebern, Sie lassen uns mit Ihnen jubeln und manchmal rühren Sie uns auch zu Tränen.

Wenn ich sage „der Sport“, dann heißt das natürlich in erster Linie: die Athletinnen und Athleten, also Sie. Und wenn der Staat einzelne, besonders Erfolgreiche von Ihnen mit dem Silbernen Lorbeerblatt auszeichnet, dann ist das einmal der Dank dafür, dass Sie all das, was ich gerade über den Sport gesagt habe, mit Ihren Leistungen realisiert und so außerdem uns allen Freude gemacht haben. Nicht zuletzt haben Sie – ich sage nur: Stichwort Medaillenspiegel – auch vor aller Welt für unser Land Werbung gemacht.

Sie sind Vorbilder geworden, gerade für Kinder und Jugendliche, es Ihnen gleich zu tun. Sie sind Vorbilder nicht nur für den Wunsch, auch Spitzensportler und Medaillengewinner zu werden, sondern Sie ermutigen sehr viele, den Spaß und die Selbstverwirklichung im Sport zu suchen – ebenso wie Sie. Auch dafür ist dieses Lorbeerblatt ein Dank.

Olympische Spiele sind selten und schon deshalb besondere Ereignisse. Hier stehen auch Sportarten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, von denen viele Zuschauer vielleicht noch nicht einmal die Regeln kennen.

Aber diese Spiele in Peking waren auch noch in anderer Hinsicht ganz besondere Spiele. Einerseits fanden sie statt im Schatten der Pandemie, das hieß Tests, manchmal Quarantäne und Isolation. Das hieß vor allem auch: nur sehr wenige Zuschauer an den Wettkampfstätten – und ich vermute, deshalb auch eine Beeinträchtigung der Wettkampfstimmung bei Ihnen. Und diese Spiele fanden statt im Schatten eines drohenden Krieges in der Ukraine – und die Paralympics dann sogar nach Beginn des brutalen russischen Überfalls. Der Ausschluss der Athleten Russlands und von Belarus geschah auch auf Betreiben vieler anderer Athleten.

Der Sport lebt nicht im luftleeren Raum und er lebt auch nicht in einer idealen Welt. Der Sport darf auch nicht so tun, als sei alles in Ordnung, auch nicht für die Dauer einer internationalen Meisterschaft. Es ist eben nicht egal, unter welchen Bedingungen große Sportereignisse stattfinden; kritische Diskussionen über politische Zustände sind legitim. Im Zentrum des Sports steht der faire und freie Wettkampf. Fairness und Freiheit gehören darum nicht nur zu seinen Verfahrensregeln, sie gehören zu seinen Voraussetzungen.

Liebe Athletinnen und Athleten, jede Medaille erzählt eine ganz eigene Geschichte, wahrscheinlich nicht nur jede Medaille, sondern überhaupt jede Wettkampfteilnahme, auch für diejenigen, die es nicht bis ganz auf das Treppchen geschafft haben. Wir Zuschauer denken natürlich in der Erinnerung an die besonders ungewöhnlichen Geschichten. Linn Kazmaier war nicht nur die jüngste deutsche Teilnehmerin im Paralympics-Team, sondern hat, kaum über fünfzehn Jahre alt, in zwei Sportarten fünf Medaillen gewonnen, darunter eine goldene – gemeinsam mit ihrem Guide Florian Baumann.

Und viele andere Geschichten haben Sie alle erlebt, viele andere Geschichten können Sie erzählen, und zu allen gehören auch Teamkollegen und Trainer, Familie und Freunde, Vereine und Verbände, Fans und Förderer. Es sind Geschichten von Siegen und Niederlagen, vom Weinen und Lachen, von Enttäuschung und Jubel, vom einsamen Sich-durchkämpfen oder vom tragenden und belebenden Mannschaftsgeist.

Ich vermute, dass wir gleich, wenn wir noch ein bisschen zusammenstehen, die eine oder andere Geschichte noch hören. Jetzt aber erst einmal zur Hauptsache, nämlich der Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes, zu der ich Sie alle noch einmal ganz herzlich beglückwünsche! «


Quelle: Bulletin 70-2 des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung vom 1. Juni 2022

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